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13.09.2006

Papst Benedikt XVI. - Treffen mit den Vertretern der Wissenschaft in der Aula Magna der Universität Regensburg (12. September 2006)

Papst Benedikt XVI.: "Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen"

Treffen mit den Vertretern der Wissenschaft in der Aula Magna der Universität Regensburg (12. September 2006)

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST BENEDIKT XVI.
NACH MÜNCHEN, ALTÖTTING UND REGENSBURG
(9.-14. SEPTEMBER 2006)

TREFFEN MIT DEN VERTRETERN AUS DEM
BEREICH DER WISSENSCHAFTEN

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Aula Magna der Universität Regensburg
Dienstag, 12. September 2006

 

Glaube, Vernunft und Universität.
Erinnerungen und Reflexionen.

Eminenzen, Magnifizenzen, Exzellenzen,
verehrte Damen und Herren!

Es ist für mich ein bewegender Augenblick, noch einmal in der Universität zu sein und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen. Meine Gedanken gehen dabei zurück in die Jahre, in denen ich an der Universität Bonn nach einer schönen Periode an der Freisinger Hochschule meine Tätigkeit als akademischer Lehrer aufgenommen habe. Es war – 1959 – noch die Zeit der alten Ordinarien-Universität. Für die einzelnen Lehrstühle gab es weder Assistenten noch Schreibkräfte, dafür aber gab es eine sehr unmittelbare Begegnung mit den Studenten und vor allem auch der Professoren untereinander. In den Dozentenräumen traf man sich vor und nach den Vorlesungen. Die Kontakte mit den Historikern, den Philosophen, den Philologen und natürlich auch zwischen beiden Theologischen Fakultäten waren sehr lebendig. Es gab jedes Semester einen sogenannten Dies academicus, an dem sich Professoren aller Fakultäten den Studenten der gesamten Universität vorstellten und so ein Erleben von Universitas möglich wurde – auf das Sie, Magnifizenz, auch gerade hingewiesen haben– die Erfahrung nämlich, daß wir in allen Spezialisierungen, die uns manchmal sprachlos füreinander machen, doch ein Ganzes bilden und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen – das wurde erlebbar. Die Universität war auch durchaus stolz auf ihre beiden Theologischen Fakultäten. Es war klar, daß auch sie, indem sie nach der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum gehört, auch wenn nicht alle den Glauben teilen konnten, um dessen Zuordnung zur gemeinsamen Vernunft sich die Theologen mühen. Dieser innere Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft wurde auch nicht gestört, als einmal verlautete, einer der Kollegen habe geäußert, an unserer Universität gebe es etwas Merkwürdiges: zwei Fakultäten, die sich mit etwas befaßten, was es gar nicht gebe – mit Gott. Daß es auch solch radikaler Skepsis gegenüber notwendig und vernünftig bleibt, mit der Vernunft nach Gott zu fragen und es im Zusammenhang der Überlieferung des christlichen Glaubens zu tun, war im Ganzen der Universität unbestritten.

All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore Khoury - Münster - herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte. Der Kaiser hatvermutlich während der Belagerung von Konstantinopel zwischen 1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel ausführlicher wiedergegeben sind, als die seines persischen Gesprächspartners. Der Dialog erstreckt sich über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der, wie man sagte, „drei Gesetze“ oder „drei Lebensordnungen“: Altes Testament – Neues Testament – Koran. Jetzt, in dieser Vorlesung möchte ich darüber nicht handeln, nur einen – im Aufbau des ganzen Dialogs eher marginalen – Punkt berühren, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient.

In der von Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις – Kontroverse) kommt der Kaiser auf das Thema des Djihād, des heiligen Krieges zu sprechen. Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg. Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schrofferForm ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst dunur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat,dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut”, sagt er, „und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺνλόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann...".

Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R.Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Professor Khoury Hazn so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.

An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert.Hier tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der uns heute ganz unmittelbar herausfordert. Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺνλόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden. Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist. Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall. Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16, 6 – 10) – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.

Dabei war dieses Zugehen längst im Gang. Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm einfach das „Ich bin“, das Dasein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht. Der am Dornbusch begonnene Prozeß kommt im Innern des Alten Testaments zu einer neuen Reife während des Exils, wo nun der landlos und kultlos gewordene Gott Israels sich als den Gott des Himmels und der Erde verkündet und sich mit einer einfachen, das Dornbusch-Wort weiterführenden Formel vorstellt: „Ich bin’s.“ Mit diesem neuen Erkennen Gottes geht eine Art von Aufklärung Hand in Hand, die sich im Spott über die Götter drastisch ausdrückt, die nur Machwerke der Menschen seien (vgl. Ps 115). So geht der biblische Glaube in der hellenistischen Epoche bei aller Schärfe des Gegensatzes zu den hellenistischen Herrschern, die die Angleichung an die griechische Lebensweise und ihren Götterkult erzwingen wollten,dem Besten des griechischen Denkens von innen her entgegen zu einer gegenseitigen Berührung, wie sie sich dann besonders in der späten Weisheits-Literatur vollzogen hat. Heute wissen wir, daß die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht sogarwenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, nämlich ein selbständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann. Zutiefst geht es dabei um die Begegnung zwischen Glaube und Vernunft, zwischen rechter Aufklärung und Religion. Manuel II. hat wirklich aus dem inneren Wesen des christlichen Glaubens heraus und zugleich aus dem Wesen des Griechischen, das sich mit dem Glauben verschmolzen hatte, sagen können: Nicht „mit dem Logos“ handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.

Hier ist der Redlichkeit halber anzumerken, daß sich im Spätmittelalter Tendenzen der Theologie entwickelt haben, die diese Synthese von Griechischem und Christlichem aufsprengen. Gegenüber dem sogenannten augustinischen und thomistischen Intellektualismus beginnt bei Duns Scotus eine Position des Voluntarismus, die schließlich in den weiteren Entwicklungen dahinführte zu sagen, wir kennten von Gott nur seine Voluntas ordinata. Jenseits davon gebe es die Freiheit Gottes, kraft derer er auch das Gegenteil von allem, was er getan hat, hätte machen und tun können. Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazn durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben. Demgegenüber hat der kirchliche Glaube immer daran festgehalten, daß es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt, in der zwar – wie das vierte Laterankonzil 1215 sagt – die Unähnlichkeiten unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, aber eben doch die Analogie und ihre Sprache nicht aufgehoben werden. Gott wird nicht göttlicher dadurch, daß wir ihn in einen reinen und undurchschaubaren Voluntarismus entrücken, sondern der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat.Gewiß, die Liebe „übersteigt“, wie Paulus sagt, die Erkenntnis und vermag daher mehr wahrzunehmen als das bloße Denken (vgl. Eph 3, 19), aber sie bleibt doch Liebe des Gottes-Logos, weshalb christlicher Gottesdienst, wie noch einmal Paulus sagt, „λογικη λατρεία“ ist – Gottesdienst, der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht (vgl. Röm 12, 1).

Dieses hier angedeutete innere Zugehen aufeinander, das sich zwischen biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen vollzogen hat, ist ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang, der uns auch heute in diePflicht nimmt. Wenn man diese Begegnung sieht, ist es nicht verwunderlich, daß das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.

Der These, daß das kritisch gereinigte griechische Erbe wesentlich zum christlichen Glauben gehört, steht die Forderung nach der Enthellenisierung des Christentums entgegen, die seit dem Beginn der Neuzeit wachsend das theologische Ringen beherrscht. Wenn man näher zusieht, kann man drei Wellen des Enthellenisierungsprogramms beobachten, die zwar miteinander verbunden, aber in ihren Begründungen und Zielen doch deutlich voneinander verschieden sind.

Die Enthellenisierung erscheint zuerst mit den Anliegender Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft. Die Reformatoren sahen sich angesichts der theologischen Schultradition einer ganz von der Philosophie her bestimmten Systematisierung des Glaubens gegenüber, sozusagen einer Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken. Der Glaube erschien dabei nicht mehr als lebendiges geschichtliches Wort, sondern eingehaust in ein philosophisches System. Das Sola Scriptura sucht demgegenüber die reine Urgestalt des Glaubens, wie er im biblischen Wort ursprünglich da ist. Metaphysik erscheint als eine Vorgabe von anderswoher, von der man den Glauben befreien muß, damit er ganz wieder er selber sein könne. In einer für die Reformatoren nicht vorhersehbaren Radikalität hat Kant mit seiner Aussage, er habe das Denken beiseite schaffen müssen, um dem Glauben Platz zu machen, aus diesem Programm heraus gehandelt. Er hat dabei den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen.

Die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts brachte eine zweite Welle im Programm der Enthellenisierung mit sich, für die Adolf von Harnack als herausragender Repräsentant steht. In der Zeit, als ich studierte, wie in den frühen Jahren meines akademischen Wirkens war dieses Programm auch in der katholischen Theologie kräftig am Werk. Pascals Unterscheidung zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs diente als Ausgangspunkt dafür. In meiner Bonner Antrittsvorlesung von 1959 habe ich mich damit auseinanderzusetzen versucht, und möchte dies alles hiernicht neu aufnehmen. Wohl aber möchte ich wenigstens in aller Kürze versuchen, das unterscheidend Neue dieser zweiten Enthellenisierungswelle gegenüber der ersten herauszustellen. Als Kerngedanke erscheint bei Harnack die Rückkehr zum einfachen Menschen Jesus und zu seiner einfachen Botschaft, die allen Theologisierungen und eben auch Hellenisierungen voraus liege: Diese einfache Botschaft stelle die wirkliche Höhe der religiösen Entwicklung der Menschheit dar. Jesus habe den Kult zugunsten der Moral verabschiedet. Er wird im letzten als Vater einer menschenfreundlichen moralischen Botschaft dargestellt. Dabei geht es Harnack im Grunde darum, das Christentum wieder mit der modernen Vernunft in Einklang zu bringen, eben indem man es von scheinbar philosophischen und theologischen Elementen wie etwa dem Glauben an die Gottheit Christi und die Dreieinheit Gottes befreie. Insofern ordnet die historisch-kritische Auslegung des Neuen Testaments, wie er sie sah, die Theologie wieder neu in den Kosmos der Universität ein: Theologie ist für Harnack wesentlich historisch und so streng wissenschaftlich. Was sie auf dem Weg der Kritik über Jesus ermittelt, ist sozusagen Ausdruck der praktischen Vernunft und damit auch im Ganzen der Universität vertretbar. Im Hintergrund steht die neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft, wie sie in Kants Kritiken klassischen Ausdruck gefunden hatte, inzwischen aber vom naturwissenschaftlichen Denken weiter radikalisiert wurde. Diese moderne Auffassung der Vernunft beruht auf einer durch den technischen Erfolg bestätigten Synthese zwischen Platonismus (Cartesianismus) und Empirismus, um es verkürzt zu sagen. Auf der einen Seite wird die mathematische Struktur der Materie, sozusagen ihre innere Rationalität vorausgesetzt, die es möglich macht, sie in ihrer Wirkform zu verstehen und zu gebrauchen: Diese Grundvoraussetzung ist sozusagen das platonische Element im modernen Naturverständnis. Auf der anderen Seite geht es um die Funktionalisierbarkeit der Natur für unsere Zwecke, wobei die Möglichkeit der Verifizierung oder Falsifizierung im Experiment erst die entscheidende Gewißheit liefert. Das Gewicht zwischen den beiden Polen kann je nachdem mehr auf der einen oder der anderen Seite liegen. Ein so streng positivistischer Denker wie J. Monod hat sich als überzeugter Platoniker bezeichnet.

Dies bringt zwei für unsere Frage entscheidende Grundorientierungen mit sich. Nur die im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie sich ergebende Form von Gewißheit gestattet es, von Wissenschaftlichkeit zu sprechen. Was Wissenschaft sein will, muß sich diesem Maßstab stellen. So versuchten dann auch die auf die menschlichen Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie sich diesem Kanon von Wissenschaftlichkeit anzunähern. Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, daß die Methode als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen läßt. Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muß.

Darauf werde ich zurückkommen. Einstweilen bleibt festzustellen, daß bei einem von dieser Sichtweise herbestimmten Versuch, Theologie „wissenschaftlich“ zu erhalten, vom Christentum nur ein armseliges Fragmentstück übrigbleibt. Aber wir müssen mehrsagen:Wenn dies allein die ganze Wissenschaft ist, dann wird der Mensch selbst dabei verkürzt. Denn die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin, die Fragen der Religion und des Ethos können dann nicht im Raum der gemeinsamen, von der so verstandenen „Wissenschaft“ umschriebenen Vernunft Platz finden und müssen ins Subjektive verlegt werden. Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive „Gewissen“ wird zur letztlich einzigen ethischen Instanz. So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand aber ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft so verengt wird, daß ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören. Was an ethischen Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht einfach nicht aus.

Bevor ich zu den Schlußfolgerungen komme, auf die ich mit alledem hinaus will, muß ich noch kurz die dritte Enthellenisierungswelle andeuten, die zurzeit umgeht. Angesichts der Begegnung mit der Vielheit der Kulturen sagt man heute gern, die Synthese mit dem Griechentum, die sich in der alten Kirche vollzogen habe, sei eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, auf die man die anderen Kulturen nicht festlegen dürfe. Ihr Recht müsse es sein, hinter diese Inkulturation zurückzugehen auf die einfache Botschaft des Neuen Testaments, um sie in ihren Räumen jeweils neu zu inkulturieren. Diese These ist nicht einfach falsch, aber doch vergröbert und ungenau. Denn das Neue Testament ist griechisch geschrieben und trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist, die in der vorangegangenen Entwicklung des Alten Testaments gereift war. Gewiß gibt es Schichten im Werdeprozeß der alten Kirche, die nicht in alle Kulturen eingehen müssen. Aber die Grundentscheidungen, die eben den Zusammenhang des Glaubens mit dem Suchen der menschlichen Vernunft betreffen, die gehören zu diesem Glauben selbst und sind seine ihm gemäße Entfaltung.

Damit komme ich zum Schluß. Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit– Sie haben es angedeutet Magnifizenz – istim übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört. Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können. Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein.

Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen. Dabei trägt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten hinausweist. Sie selber muß die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muß von der Naturwissenschaft weitergegeben werden, an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie. Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre. Mir kommt da ein Wort des Sokrates an Phaidon in den Sinn. In den vorangehenden Gesprächen hatte man viele falsche philosophische Meinungen berührt, und nun sagt Sokrates: Es wäre wohl zu verstehen, wenn einer aus Ärger über so viel Falsches sein übriges Leben lang alle Reden über das Sein haßte und schmähte. Aber auf diese Weise würde er der Wahrheit des Seienden verlustig gehen und einen sehr großen Schaden erleiden. Der Westen ist seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner Vernunft bedroht und könntedamit nur einen großen Schaden erleiden. Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt. „Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider“, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein. Sie selber immer wieder zu finden, ist die große Aufgabe der Universität.

Anmerkung: Der Heilige Vater hat sich vorbehalten, diesen Text später mit Anmerkungen versehen zu veröffentlichen. Die vorliegende Fassung ist also als vorläufig zu betrachten. 

15.08.2006

TV - Interview mit dem Papst Benedikt 16

Aus Radio Vatikan, Interview mit Papst Benedikt XVI. 5. August 2006 in Castel Gandolfo

Frage:
Heiliger Vater, im September besuchen Sie Deutschland, genauer gesagt, natürlich Bayern. „Der Papst hat Sehnsucht nach seiner Heimat“, haben ihre Mitarbeiter während der Vorbereitung berichtet. Welche Themen wollen Sie besonders ansprechen, und gehört der Begriff „Heimat“ auch zu den Werten, die sie den Menschen besonders nahe bringen wollen?

Benedikt XVI:
Ja, das auf jeden Fall. Der Grund des Besuchs war eigentlich eben doch wirklich der, dass ich noch einmal die Orte, die Menschen sehen wollte, wo ich groß geworden bin, die mich geprägt und mein Leben geformt haben, und diesen Menschen danken wollte. Und dann natürlich auch eine Botschaft ausrichten, die über das eigene Land hinausgeht, wie es meinem Auftrag entspricht. Die Themen habe ich mir ganz schlicht von den liturgischen Daten vorgeben lassen. Das Grundthema ist eigentlich, dass wir Gott wieder entdecken müssen und nicht irgendeinen Gott, sondern den Gott mit einem menschlichen Antlitz, denn wenn wir Jesus Christus sehen, sehen wir Gott. Dass wir von daher dann die Wege zueinander finden müssen in der Familie, zwischen den Generationen; und dann zwischen den Kulturen, den Völkern, und die Wege der Versöhnung und des friedlichen Miteinanders in dieser Welt. Die Wege, die nach vorn führen, finden wir nicht, wenn wir nicht sozusagen Licht von oben haben. Ich habe also keine ganz spezifischen Themen ausgewählt, sondern die Liturgie leitet mich, die Grundbotschaft des Glaubens zu sagen, die natürlich in der Aktualität von heute verortet ist, in der wir vor allen Dingen nach der Zusammenarbeit der Völker, nach den Möglichkeiten der Versöhnung und des Friedens fragen.

Frage:
Als Papst sind Sie ja zuständig für die gesamte Kirche in der ganzen Welt. Aber ihr Besuch in Deutschland lenkt natürlich auch den Blick auf die Situation der Katholiken in Deutschland. Alle Beobachter sind sich einig: die Stimmung ist gut, nicht zuletzt durch ihre Wahl. Aber die alten Probleme, die sind natürlich geblieben, zum Beispiel nur einige Schlagworte: Immer weniger Kirchgänger, immer weniger Taufen, überhaupt immer weniger Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Wie sieht ihre Beschreibung der aktuellen Lage der katholischen Kirche in Deutschland aus?

Benedikt XVI:
Nun, ich würde zunächst sagen, Deutschland gehört zum Westen, wenn auch mit seiner ganz spezifischen Färbung und Tönung. Und in der Welt des Westens erleben wir ja heute eine neue Welle einer drastischen Aufklärung oder Laizität, wie immer Sie das nennen wollen. Glaube ist schwierig geworden, weil die Welt, die wir antreffen, ganz von uns selber gemacht ist und sozusagen Gott in ihr nicht mehr direkt vorkommt. Ihr trinkt nicht aus der Quelle, sondern aus dem, was uns schon abgefüllt entgegen kommt. Die Menschen haben die Welt sich selber rekonstruiert, und ihn dahinter noch zu finden, ist schwierig geworden. Das ist also nicht spezifisch für Deutschland, sondern etwas, was sich in der ganzen Welt, vor allen Dingen in der westlichen Welt zeigt. Andererseits wird der Westen jetzt stark berührt von anderen Kulturen, in denen das originär Religiöse sehr stark ist, die auch erschrecken über die Kälte Gott gegenüber, die sie im Westen vorfinden. Und diese Präsenz des Heiligen in anderen Kulturen, wenn auch in vielfältigen Verschattungen, rührt dann auch wieder an die westliche Welt, rührt uns an, die wir im Kreuzungspunkt so vieler Kulturen stehen. Und auch aus dem Eigenen des Menschen im Westen und in Deutschland steigt immer wieder die Frage nach etwas Größerem auf. Wir sehen das in der Jugend, bei der doch ein Suchen nach Mehr da ist, dass irgendwo das Phänomen Religion, wie man sagt, wiederkehrt, auch wenn die Suchbewegung oft eher unbestimmt sind. Aber die Kirche ist damit wieder da, der Glaube bietet sich als Antwort an. Und ich denke, dass eben gerade dieser Besuch, wie schon vorher Köln, eine Gelegenheit ist, dass man sieht, dass es schön ist zu glauben; dass die Freude einer großen, universalen Gemeinschaft etwas Tragendes hat, dass dahinter etwas steht und dass so mit neuen Suchbewegungen auch neue Aufbrüche zum Glauben da sind, die uns zueinander führen und die dann auch der Gesellschaft im ganzen dienen.

Frage:
Heiliger Vater, vor einem Jahr genau waren Sie in Köln bei der Jugend; und da haben Sie, glaube ich, auch mitbekommen, dass die Jugend wahnsinnig aufnahmebereit ist, dass Sie persönlich sehr gut angekommen sind. Haben Sie bei dieser Reise vielleicht auch eine spezielle Botschaft an die jungen Leute?

Benedikt XVI.:
Ich würde zunächst einmal sagen: Die Botschaft ist: Ich freu’ mich, dass es junge Menschen gibt, die beieinander sein wollen, die im Glauben beieinander sein wollen, und die eben etwas Gutes tun wollen. Denn die Bereitschaft zum Guten ist in der Jugend sehr stark. Die vielen Volontariate…! Die Suche, in den Nöten dieser Welt selbst auch etwas auszurichten, ist etwas Großes. Darin zu ermutigen, wäre ein erster Impuls: Macht weiter! Sucht nach Gelegenheiten, Gutes zu tun! Die Welt braucht solchen Willen, braucht solchen Einsatz. Und dann würde ich sagen, ein spezielles Wort wäre vielleicht: Der Mut zu endgültigen Entscheidungen! Es ist viel Großmut in der Jugend da, aber das Risiko, sich ein Leben lang zu binden, sei’s in der Ehe, sei’s im Priestertum, das wird gescheut. Die Welt ist in dramatischer Bewegung. Ständig. Kann ich jetzt schon über das ganze Leben mit seinen unabsehbaren künftigen Ereignissen verfügen? Binde ich da nicht meine Freiheit selber und nehme etwas von meiner Beweglichkeit weg? Den Mut zu wecken, endgültige Entscheidungen zu wagen, die in Wirklichkeit erst Wachstum und Vorwärtsbewegung, das Große im Leben ermöglichen, die nicht die Freiheit zerstören, sondern ihr erst die richtige Richtung im Raum geben: das zu riskieren – diesen Sprung sozusagen ins Endgültige – und damit das Leben erst richtig ganz anzunehmen, das würde ich schon gern weitergeben.

Frage:
Heiliger Vater, eine Frage zur außenpolitischen Situation. Die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten ist in den vergangenen Wochen wieder erheblich geringer geworden. Welche Möglichkeiten sehen Sie für den Heiligen Stuhl hier in Anbetracht der aktuellen Situation? Wie können Sie die Situation, die Entwicklung im Nahen Osten positiv beeinflussen?

Benedikt XVI.:
Wir haben natürlich keine politischen Möglichkeiten, und wir wollen auch keine politische Macht. Aber wir wollen an die Christen und an alle, die sich dem Wort des Heiligen Stuhls irgendwie verbunden oder von ihm angesprochen wissen, appellieren, dass dort überall die Kräfte mobilisiert werden, die erkennen: Krieg ist für alle die schlechteste Lösung. Er bringt für niemanden etwas, auch für die scheinbaren Sieger nichts – wir wissen es in Europa von den beiden Weltkriegen her sehr genau –, sondern das, was alle brauchen, ist der Friede. Und es gibt ja eine starke christliche Gemeinschaft im Libanon, es gibt unter den Arabern Christen, es gibt in Israel Christen, und Christen der ganzen Welt sorgen sich um diese uns allen teuren Länder. Die moralischen Kräfte, die da bereit sind, um einsichtig zu machen, dass die einzige Lösung ist: „Wir müssen miteinander leben“, die wollen wir mobilisieren. Die Politiker müssen dann die Wege finden, wie das möglichst schnell und vor allen Dingen dauerhaft geschehen kann.

Frage:
Als Bischof von Rom sind Sie Nachfolger des Heiligen Petrus. Wie könnte denn das Petrusamt heute zeitgemäß aussehen. Und sehen Sie einen Spannungsbogen auch zwischen einerseits dem Primat des Papstes und andererseits der Vorstellung von der Kollegialität der Bischöfe?

Benedikt XVI.:
Ein Spannungsbogen ist es natürlich, und soll es auch sein. Vielheit und Einheit müssen immer wieder zueinander finden, und dieses Zueinander muss in den wechselnden Weltsituationen auch immer neu eingespielt werden. Ja, heute haben wir eine neue Polyphonie der Kulturen, in der nicht mehr Europa allein determiniert, sondern die Christengemeinden der verschiedenen Kontinente ihr eigenes Gewicht, ihre eigene Farbe annehmen. Dieses Zusammenspiel müssen wir immer wieder neu lernen. Wir haben dafür verschiedene Instrumente entwickelt. Die so genannten Ad-Limina-Besuche, die es immer gab, werden jetzt viel mehr genutzt, um wirklich mit allen Instanzen des Heiligen Stuhls und eben auch mit mir zu reden. Ich spreche mit jedem einzelnen Bischof persönlich. Ich habe inzwischen mit fast allen Bischöfen Afrikas und vielen aus Asien sprechen können. Jetzt wird Mitteleuropa, Deutschland, Schweiz dran sein, und in solchen Begegnungen, wo dann eben wirklich Zentrum und Peripherie einander treffen und freimütig austauschen, wächst dann das richtige Ineinander in diesem Spannungsbogen. Dann haben wir weitere Instrumente: die Synode, das Konsistorium, das ich jetzt regelmäßig halten werde und entwickeln möchte, wo man ohne große Tagesordnung anstehende Probleme miteinander bespricht und nach Lösungen sucht. Wir wissen einerseits, dass der Papst kein absoluter Monarch ist, sondern sozusagen das Ganze verkörpern muss in dem gemeinsamen Hinhören auf Christus. Aber das Bewusstsein dafür, dass es sozusagen eine vereinigende Instanz braucht, die auch Unabhängigkeit von den politischen Kräften verschafft und die dafür sorgt, dass sich Christianismen nicht zu sehr mit Nationalitäten identifizieren: diese Einsicht, dass es eine solche übergreifende Instanz braucht, die im Zusammenspiel des Ganzen Einheit schafft und andererseits die Vielheit aufnimmt, annimmt und fördert, die ist sehr stark. Insofern gibt es in dem Sinn, glaube ich, wirklich auch eine innere Zustimmung zum Petrusamt in dem Willen, es so weiter zu entwickeln, dass es dem Willen des Herrn und den Anforderungen der Zeit entspricht.


Frage:
Deutschland als Land der Reformation ist natürlich in besonderer Weise vom Miteinander der Konfessionen geprägt. Das ökumenische Miteinander ist natürlich ein sensibles Gebilde, das immer mal wieder in Schwierigkeiten geraten kann. Welche Möglichkeiten sehen Sie, gerade das Verhältnis zur evangelischen Kirche zu verbessern, oder welche Schwierigkeiten sehen Sie auch auf diesem Weg?

Benedikt XVI.:
Vielleicht ist es wichtig, zunächst einmal zu sagen, dass die evangelische Kirche ja sehr vielgestaltig ist. In Deutschland haben wir, wenn ich recht weiß, drei größere Gemeinschaften: Lutheraner, Reformierte, Preußische Union. Dazu bilden sich im Großmaß jetzt auch Freikirchen und innerhalb der klassischen Kirchen Bewegungen wie die „Bekennende Kirche“ und so weiter. Es ist also auch ein vielstimmiges Gefüge, mit dem wir in Respekt vor den vielen Stimmen und in der Suche nach der Einheit in Dialog treten und in Zusammenarbeit kommen müssen. Das erste ist, dass wir alle miteinander in dieser Gesellschaft uns darum mühen sollten, die großen ethischen Richtlinien deutlich zu machen – selber zu finden und zu verwirklichen – und so der Gesellschaft den ethischen Zusammenhalt zu geben, ohne den sie eben nicht die Absicht der Politik – Gerechtigkeit für alle, ein gutes Miteinanderleben, den Frieden – verwirklichen kann. Und da geschieht ja schon sehr viel, dass wir in dieser Weise angesichts der großen moralischen Herausforderungen wirklich miteinander verbunden sind aus dem gemeinsamen christlichen Grund heraus. Und dass wir dann natürlich als nächstes Gott bezeugen in einer Welt, die sich schwer tut, ihn zu finden, wie wir gesagt haben, dass wir den Gott mit dem menschlichen Antlitz Jesu Christi sichtbar machen und den Menschen so den Zugang zu den Quellen geben, ohne die die Moral verkümmert und ihre Maßstäbe verliert, und auch die Freude geben, dass wir nicht isoliert sind in der Welt. So erst entsteht die Freude an der Größe des Menschen, dass er nicht ein missglücktes Evolutionsprodukt, sondern Bild Gottes ist. In diesen beiden Ebenen die großen ethischen Maßstäbe – und von innen her und auf sie hin die Gegenwart Gottes, eines konkreten Gottes – zu zeigen. Und wenn wir das tun, und danach vor allem auch alle einzelnen Gruppierungen den Glauben nicht partikularistisch, sondern immer aus seinen tiefsten Gründen her zu leben versuchen, dann werden wir vielleicht trotzdem nicht so schnell zu äußeren Einheiten kommen, aber dann werden wir zu einer inneren Einheit reifen, die, so Gott will, eines Tages dann auch äußere Formen von Einheit bringt.
Frage:
Thema Familie: Vor etwa einem Monat waren Sie in Valencia beim Familienkongress. Und wer gut hingehört hat – wir von Radio Vatikan versuchen, das zu tun –, hat gemerkt, dass Sie nie das Wort Homo-Ehe angesprochen haben, nie von Abtreibung, nie von Verhütung gesprochen haben. Aufmerksame Beobachter sagen sich: Interessant! Offenbar ist seine Intention, den Glauben zu verkünden und nicht als Moralapostel durch die Welt zu reisen. Können Sie das kommentieren?

Benedikt XVI.:
Ja natürlich. Zuerst muss man sagen: Ich hatte ganze zwei mal zwanzig Minuten Zeit. Und wenn man nur so viel Zeit zur Verfügung hat, kann man nicht gleich mit dem Neinsagen daher kommen. Man muss ja erst wissen, was wir überhaupt wollen, nicht wahr. Und das Christentum, der Katholizismus ist nicht eine Ansammlung von Verboten, sondern eine positive Option. Und die wieder sehen ist ganz wichtig, weil die fast ganz aus dem Blickfeld verschwunden ist. Man hat so viel gehört, was man nicht darf, dass man jetzt hingegen sagen muss: Wir haben aber eine positive Idee, dass Mann und Frau zueinander geschaffen sind, dass sozusagen es die Skala Sexualität, Eros, Agape, die Dimensionen der Liebe gibt und dass auf die Weise dann zunächst Ehe als beglücktes Ineinander von Mann und Frau und dann als Familie wächst. Dass Kontinuität der Generationen geschieht, in der die Versöhnung der Generationen erfolgt und in der dann auch die Kulturen sich begegnen können. Zunächst einmal also herausstellen, was wir wollen, ist einfach wichtig. Dann kann man auch sehen, warum wir irgendetwas nicht wollen. Und ich glaube, man muss ja sehen, dass es nicht eine katholische Erfindung ist, dass Mann und Frau zueinander geschaffen sind, damit die Menschheit weiterlebt – das wissen eigentlich alle Kulturen. Was die Abtreibung angeht, gehört sie nicht ins sechste, sondern ins fünfte Gebot „Du sollst nicht töten!“ Und das sollten wir eigentlich als selbstverständlich voraussetzen und müssen immer wieder betonen: Der Mensch fängt im Mutterschoß an und bleibt Mensch bis zu seinem letzen Atemzug. Daher muss er immer als Mensch respektiert werden. Aber das wird einsichtig, wenn zuvor das Positive gesagt ist.

Frage:
Heiliger Vater, meine Frage schließt in gewisser Weise an die von Pater von Gemmingen an. Weltweit erhoffen sich Gläubige Antworten auf die global drängenden Probleme von der katholischen Kirche. Stichwort hier AIDS und Überbevölkerung: Warum stellt die katholische Kirche die Moral so heraus und über die Lösungsansätze für dieses Schicksalsproblem der Menschen, beispielsweise im afrikanischen Kontinent.

Benedikt XVI.:
Ja nun, das ist die Frage: Stellen wir wirklich die Moral so heraus? Ich würde sagen – so hat es sich mir auch im Gespräch mit den afrikanischen Bischöfen immer mehr kristallisiert: Das grundlegende Stichwort, wenn wir in diesen Sachen vorankommen wollen, heißt Erziehung, Edukation, Bildung. Fortschritt kann nur Fortschritt sein, wenn er dem Menschen dient und wenn der Mensch selber wächst: wenn in ihm nicht nur das technische Können wächst, sondern auch seine moralische Potenz. Und ich denke, das eigentliche Problem unserer historischen Situation ist das Ungleichgewicht zwischen dem ungeheuren rapiden Anwachsen dessen, was wir technisch können, und unserm moralischen Vermögen, das nicht mitgewachsen ist. Und deswegen ist die Bildung des Menschen das eigentliche Rezept, der Schlüssel von allem, und das ist auch unser Weg. Und zwar hat diese Bildung, kurz gesagt, zwei Dimensionen: Zunächst einmal müssen wir natürlich etwas lernen: Wissen, Können erwerben, Know-How, wie man so schön sagt. Und dafür hat Europa, Amerika, in den letzten Jahrzehnten viel getan, und das ist etwas Wichtiges. Aber wenn man nur Know-How weitergibt, nur beibringt, wie man Maschinen macht und mit ihnen umgeht, und wie man Verhütungsmittel anwendet, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass am Schluss Krieg herauskommt und AIDS-Epidemien. Sondern wir brauchen zwei Dimensionen, es muss die Bildung des Herzens, wenn ich’s so sagen darf, mit dazukommen, durch die der Mensch Maßstäbe gewinnt und dann auch seine Technik richtig gebrauchen lernt. Und das ist es, was wir zu tun versuchen. Wir haben in ganz Afrika und auch in vielen Ländern Asiens ein großes Netz von Schulen aller Stufen, wo zunächst Lernen möglich ist, wo wirklich Kenntnis erworben werden kann, berufliche Befähigung erworben wird und dadurch Unabhängigkeit und Freiheit möglich wird. Aber wir versuchen in diesen Schulen eben nicht nur Know-How weiter zu geben, sondern auch die Menschen zu formen, so dass sie den Willen zur Versöhnung haben und dass sie wissen: Wir müssen aufbauen und nicht zerstören; dass sie Maßstäbe haben, wie sie miteinander leben können. In Afrika ist zum großen Teil das Miteinander von Moslems und Christen ganz vorbildlich. Bischöfe haben gemeinsame Komitees mit den Moslems, wie in Konflikten Frieden gestiftet werden kann. Und dieses doppelte Netz der Schulen, des Lernens und des menschlichen Bildens ist wichtig. Es wird dann ergänzt durch ein Netz von Krankenhäusern und von Pflegestationen, die bis in die letzten Dörfer hineinreichen. Und vielerorts ist ja nach all den Zerstörungen der Kriege die Kirche die letzte intakte Macht geblieben – nicht Macht: Realität, wo geheilt wird, wo auch AIDS geheilt wird, und andererseits Erziehung vermittelt wird, die hilft, richtig miteinander umzugehen. Insofern, glaube ich, sollte das Bild korrigiert werden, dass wir nur mit lauter „Nein“ um uns herumwerfen. Es geschieht gerade in Afrika sehr viel, damit die verschiedenen Dimensionen der Bildung sich ergänzen können und damit die Überwindung der Gewalt und die Überwindung auch dieser Epidemien – es kommt ja auch Malaria und Tuberkulose dazu – möglich wird.

Frage:
Heiliger Vater, von Europa aus hat sich das Christentum in alle Welt verbreitet. Nun sagen viele, die sich mit der Sache beschäftigen, die Zukunft der Kirche liegt auf anderen Kontinenten. Trifft das zu? Und anders gefragt: Welche Zukunft hat es in Europa, in dem Christentum eher zur Privatsache einer Minderheit verkümmert?

Benedikt XVI.:
Ich würde es zunächst ein bisschen nuancieren. Entstanden ist das Christentum ja im vorderen Orient, wie wir wissen. Und lange Zeit hat es dort auch seinen Schwerpunkt gehabt und sich viel weiter nach Asien ausgedehnt, als uns heute nach der Veränderung durch den Islam bewusst ist. Allerdings hat es dann eben dadurch seine Achse erheblich nach dem Westen und nach Europa verschoben, und Europa – darauf sind wir auch stolz und freuen uns – hat das Christentum in seiner großen auch intellektuellen und kulturellen Gestalt weiter ausgebildet. Aber ich glaube, es ist schon wichtig, an die Christen im Orient zu erinnern, denn im Moment besteht die Gefahr, dass die Christen, die dort immer noch eine wichtige Minderheit sind, auswandern. Und dass gerade diese Ursprungsorte des Christentums leer werden von Christen, was eine große Gefahr ist. Wir müssen denen sehr helfen, dort bleiben zu können. Aber nun zu ihrer Frage: Europa war dann ohne Zweifel Zentrum des Christentums und der missionarischen Bewegung. Heute treten die andern Kontinente, die anderen Kulturen mit gleichem Gewicht in das Konzert der Weltgeschichte ein. Und insofern wird die Kirche vielstimmiger, und das ist auch gut so, dass die eigenen Temperamente, die eigenen Begabungen Afrikas, Asiens und Amerikas, besonders auch Lateinamerikas erscheinen können. Alle natürlich immer auch betroffen nicht nur von dem Wort des Christentums, sondern von der säkularen Botschaft dieser Welt, die die Zerreißprobe, die wir in uns selber hatten, auch in diese Kontinente hineinträgt. Alle Bischöfe aus den andern Erdteilen sagen, wir brauchen weiterhin Europa, auch wenn Europa nun einem größeren Ganzen zugehört. Wir haben weiter eine Verantwortung dafür. Unsere Erfahrungen, die theologische Wissenschaft, die hier gebildet wurde, alles, was wir an liturgischer Erfahrung, an Brauchtum, auch an ökumenischer Erfahrung gesammelt haben: all das ist auch für die anderen Kontinente wichtig. Insofern ist bedeutsam, dass wir jetzt nicht kapitulieren und sagen: „Naja, wir sind nur noch eine Minderheit, schauen wir mal, dass wir wenigstens in der Zahl beieinander bleiben“, sondern weiterhin dynamisch bleiben und in Austausch treten. Dann werden Kräfte von dort auch zu uns kommen. Es gibt ja heute indische und afrikanische Priester in Europa, ebenso in Kanada, wo viele afrikanische Priester arbeiten, interessanterweise. Es gibt dieses gegenseitige Geben und Nehmen. Aber wenn wir auch in Zukunft mehr Empfangende werden, sollten wir immer auch Gebende bleiben und dazu den Mut und die Dynamik entwickeln.

Frage:
Es ist teilweise schon angesprochen worden, Heiliger Vater. Moderne Gesellschaften orientieren sich in wichtigen Entscheidungen zu Politik und Wissenschaft nicht an den christlichen Werten, und wenn die Kirche bemerkt wird – das wissen wir aus Umfragen –, dann oft als warnende Stimme oder gar als bremsende Stimme. Müsste die Kirche nicht aus dieser defensiven Rolle heraus und positiver in die Zukunft blicken und auch positiver gestalten?

Benedikt XVI.:
Ja, ich würde sagen, das ist auf jeden Fall ein Auftrag an uns, dass wir deutlicher machen, was wir denn positiv wollen. Dass wir es vor allen Dingen im Miteinander der Kulturen und der Religionen zur Geltung bringen. Denn der afrikanische Kontinent, die afrikanische Seele, auch die asiatische Seele ist erschreckt, bei uns eine kalte Rationalität zu sehen. Wichtig ist zu zeigen, dass es nicht nur dieses gibt. Und umgekehrt, für unsere laizistische Welt ist es wichtig zu sehen, dass für den Dialog mit den anderen Welten gerade auch der christliche Glaube nicht ein Hindernis, sondern eine Brücke ist. Man darf nicht meinen, die rein rationale Kultur, die hätte es aufgrund ihrer Toleranz leichter, mit den anderen Religionen zu Rande zu kommen. Ihr fehlt weitgehend das religiöse Organ und gerade damit eigentlich der Bezugspunkt, auf den hin die anderen ansprechen und angesprochen werden wollen. Insofern müssen wir zeigen, können wir zeigen, dass gerade für die neue Interkulturalität, in der wir leben, die pure, von Gott losgelöste Rationalität nicht genügt, sondern eine weite Rationalität nötig ist, die Gott in der Einheit mit der Vernunft sieht, und dass unser christlicher Glaube, der sich in Europa entwickelt hat, auch ein Mittel ist, um Vernunft und Kultur zueinander zu bringen und in einer verständnisvollen Einheit auch des Handelns miteinander zu halten. In dem Sinn haben wir, glaube ich, einen großen Auftrag, dass wir zeigen: Dieses Wort, das wir haben, gehört nicht in die Mottenkiste der Geschichte, sondern es ist jetzt gerade notwendig.

Frage:
Heiliger Vater, Stichwort Papstreisen. Sie sind ja im Vatikan, vielleicht zu ihrem eigenen Leidwesen, ein bisschen weit weg von den Menschen und von der Welt abgeschlossen, auch hier wunderbar in Castel Gandolfo. Aber Sie werden auf der anderen Seite bald achtzig Jahre alt. Meinen Sie, Sie können mit Gottes Hilfe noch viele Reisen machen? Haben Sie eine Ahnung, welche möchten Sie machen? Ins Heilige Land? Brasilien? Wissen Sie schon?

Benedikt XVI.:
Nun, ganz so einsam bin ich nicht. Natürlich gibt es sozusagen die Burg, die den Zutritt schwierig macht, aber es gibt eine päpstliche Familie, jeden Tag viele Besuche, vor allen Dingen, wenn ich in Rom bin. Die Bischöfe kommen, andere Menschen kommen, Staatsbesuche, die aber auch persönlich und nicht nur politisch mit mir reden wollen. Insofern ist es doch eine Vielfalt von Begegnungen, die mir Gott sei Dank immer geschenkt wird. Und das ist ja auch wichtig, nicht wahr, dass der Sitz des Petrusnachfolgers ein Ort der Begegnungen ist. Seit Johannes XXIII. hat sich eingependelt, dass nun auch die Gegenbewegung da ist, dass Päpste Besuche machen. Ich muss sagen, ich fühle mich nicht sehr stark, um noch viele große Reisen anzuzetteln, aber wo sie eine Botschaft ausrichten können, wo sie wirklich einem Wunsch entsprechen, da möchte ich in den Dosierungen, die mir möglich sind, hingehen. Es ist vorgesehen: Nächstes Jahr trifft sich in Brasilien die CELAM, die Vereinigung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen; und dort dabei zu sein ist, glaube ich, ein wichtiger Vorgang in dem ganzen Drama, das Südamerika einerseits erlebt, und in der ganzen Kraft der Hoffnung, die dort auch wirksam ist. Dann möchte ich ins Heilige Land gehen und hoffentlich es in Frieden betreten können. Und im Übrigen wird man sehen, was die Vorsehung an mich heranträgt.
Frage:
Darf ich noch mal nachhaken. Die Österreicher sprechen ja auch deutsch und erwarten Sie in Mariazell…

Benedikt XVI.:
Ja, das ist vereinbart. Das habe ich einfach so ein bisschen leichtsinnig versprochen. Es hat mir so gut gefallen dort, dass ich gesagt habe, ja: Zur Magna Mater Austriae komme ich wieder. Und das war natürlich sofort eine Zusage, die ich auch einhalten werde und gern einhalte.


Frage:
Und darf ich noch nachhaken: Ich bewundere Sie jeden Mittwoch, wenn Sie die Generalaudienz halten. 50.000 Leute kommen da. Das ist ja mühsam, wahnsinnig mühsam. Hält man das durch?

Benedikt XVI.:
Ja, der liebe Gott wird mir schon die Kraft geben dann. Und wenn man sieht, dass Zustimmung kommt, ermutigt das natürlich auch.

Frage:
Heiliger Vater, Sie haben gerade gesagt: Leichtsinnigerweise haben Sie das zugesagt. Heißt das, Sie lassen sich trotz dieses Amtes, trotz dieser vielen protokollarischen Dinge, ihre Spontaneität auch nicht nehmen?

Benedikt XVI.
Ich versuche es jedenfalls. Denn soviel auch fixiert ist, ein bisschen möchte ich doch auch das Eigene behalten, zu verwirklichen versuchen.

Frage:
Heiliger Vater, die Frauen in der katholischen Kirche sind sehr aktiv in vielen Funktionen. Müssten sie nicht deutlich sichtbarer tätig sein, also auch in höheren Positionen in der Kirche?

Benedikt XVI.
Ja, darüber wird natürlich sehr nachgedacht. Sie wissen, dass wir uns durch den Glauben, durch die Konstitution des Apostelkollegiums bestimmt und nicht dazu ermächtigt fühlen, Frauen die Priesterweihe zu erteilen. Aber man sollte auch nicht meinen, in der Kirche ist nur jemand etwas, der ein Priester ist. Es gibt eben ganz viele Aufträge und Funktionen in der Kirchengeschichte. Von den Schwestern der Kirchenväter angefangen bis ins Mittelalter, wo große Frauen eine sehr bestimmende Rolle ausgeübt haben. Und in die Neuzeit herein: Denken wir an Hildegard von Bingen, die kraftvoll protestiert hat gegen Bischöfe und Papst. Und Katharina von Siena und Birgitta von Schweden. So in die Neuzeit herein müssen die Frauen und müssen wir ja auch immer wieder mit ihnen zusammen den richtigen Platz für sie suchen. Es ist jetzt so, dass sie in den Kongregationen sehr gegenwärtig sind. Und es gibt ein juristisches Problem: Jurisdiktion, also die Möglichkeit rechtlich bindender Entscheidungen, ist nach dem Kirchenrecht an Weihe gebunden. Insofern gibt es dann da auch wieder Grenzen. Aber ich glaube, die Frauen selber werden mit ihrem Schwung und ihrer Kraft, mit ihrem Übergewicht sozusagen, mit ihrer „geistlichen Potenz“ sich ihren Platz zu verschaffen wissen. Und wir sollten versuchen, auf Gott zu hören, dass wir den auch nicht behindern, sondern uns freuen, dass das Weibliche in der Kirche, wie es sich gehört – von der Muttergottes und von Maria Magdalena an – seine kraftvolle Stelle erhält.

Frage:
Heiliger Vater, man spricht in letzter Zeit von einer neuen Faszination des Katholischen. Wie steht es denn um die Lebenskraft und um die Zukunftsfähigkeit dieser doch eigentlich uralten Institution?

Benedikt XVI.
Ja, ich würde sagen: Es hat schon der ganze Pontifikat von Johannes Paul II. die Menschen aufhorchen lassen und sie versammelt. Was bei seinem Tod vor sich gegangen ist, bleibt geschichtlich also etwas ganz Einzigartiges, wie da Hunderttausende diszipliniert sich auf dem Petersplatz drängen, stundenlang dastehen und eigentlich umfallen müssten in dieser Situation und doch durchhalten und von innen her bewegt sind. Und wir haben es wieder erlebt bei meiner Amtsübernahme und in Köln. Das ist schon etwas sehr Schönes, dass das Gemeinschaftserlebnis dann zugleich ein Glaubenserlebnis wird; dass man Gemeinschaft nicht nur irgendwo erfährt, sondern dass sie gerade dort, wo Orte des Glaubens sind, lebendig wird und auch dem Katholischen seine Leuchtkraft gibt. Natürlich muss es dann im Alltag durchgehalten werden. Die beiden Dinge müssen miteinander gehen. Einerseits die großen Augenblicke, wo man sieht, es ist schön, dabei zu sein, Gott ist da, und wir sind eine große versöhnte Gemeinschaft über die Grenzen hinweg. Wir haben der Menschheit etwas zu geben, und uns wird von Gott, von der Kirche etwas gegeben. Und dann muss man daraus natürlich den Schwung schöpfen, die eben auch mühsamen Wanderungen durch den Alltag zu bestehen und von solchen Lichtpunkten her auf sie hin zu leben und damit auch andere in die Weggemeinschaft einzuladen. Aber ich möchte die Gelegenheit doch benützen, um zu sagen: Ich bin ja ganz beschämt über all das, was an Vorbereitungen für meinen Besuch geschehen ist, was Menschen da alles tun, nicht wahr. Mein Haus ist angestrichen worden, eine Berufsschule hat den Zaun gemacht. Der evangelische Religionslehrer hat mitgewirkt an meinem Zaun. Und das ist ja jetzt nur eine Kleinigkeit, aber ein Zeichen für ganz Vieles, was getan wird. Das finde ich so großartig, und ich beziehe es nicht auf mich, sondern es ist einfach ein Wille, dieser Gemeinschaft im Glauben zuzugehören und alle miteinander zu dienen. Diese Solidarität zu zeigen und dabei uns vom Herrn her inspirieren zu lassen: das ist für mich etwas Bewegendes, und dafür möchte ich auch ganz herzlich danken.

Frage:
Heiliger Vater, Sie sprachen gerade das Gemeinschaftserlebnis an. Sie kommen nun zum zweiten Mal nach ihrer Wahl zu einem Besuch nach Deutschland. Die Stimmung bei dem Weltjugendtag – oder ganz anders gelagert bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland – ist irgendwie ausgewechselt. Man hat den Eindruck, die Deutschen sind weltoffener geworden, toleranter geworden, freudiger geworden. Was wünschen Sie sich von uns Deutschen noch?

Benedikt XVI.
Nun, ich würde sagen: An sich ist natürlich schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine innere Umgestaltung der deutschen Gesellschaft, auch der deutschen Mentalität da, die durch die Wiedervereinigung noch verstärkt worden ist. Wir sind einfach viel stärker in die Weltgesellschaft hineingewachsen und natürlich auch von ihrer Mentalität mit berührt. Und es kommen eben auch Seiten des deutschen Charakters zum Vorschein, die man ihm früher nicht zugetraut hat. Und vielleicht sind wir auch ein bisschen zu sehr als immer ganz diszipliniert und zurückhaltend hingestellt worden. Das war schon in uns da – . Ich finde es sehr schön, wenn jetzt mehr zum Vorschein kommt, wenn alle sehen: Die Deutschen sind nicht bloß reserviert und pünktlich und diszipliniert, sie sind auch spontan, fröhlich, gastfreundlich. Das ist etwas sehr Schönes. Und was soll ich wünschen: Dass diese Tugenden weiter entwickelt werden, und dass sie vom christlichen Glauben her noch weiter Schwung und Tragfähigkeit bekommen.

Frage:
Heiliger Vater, ihr Vorgänger hat eine wahnsinnige Menge an Christen selig und heilig gesprochen. Manche Leute sagen, es ist sogar ein bisschen zuviel. Frage: Selig- und Heiligsprechungen bringen ja der Kirche eigentlich nur etwas, wenn diese Leute auch wirklich als Vorbilder wahrgenommen werden. Kann man da was tun – und Deutschland produziert ja relativ wenig Selige und Heilige im Vergleich zu anderen Ländern –, damit dieser pastorale Ansatz: „Wir brauchen Selig- und Heiligsprechungen“ wirklich auch was bringt? Kann man da was machen?

Benedikt XVI.
Also ich hatte ja anfangs auch ein bisschen die Meinung, dass uns die große Menge der Seligsprechungen fast erdrückt und dass man vielleicht mehr auswählen sollte – Gestalten, die dann deutlich ins Bewusstsein treten. Inzwischen hab’ ich ja die Seligsprechungen dezentralisiert, um jeweils am Ort – denn sie gehören zu bestimmten Orten – diese Gestalten sichtbar zu machen. Vielleicht interessiert ein Heiliger aus Guatemala uns in Deutschland nicht so und umgekehrt einer aus Altötting interessiert vielleicht nicht so in Los Angeles. Also insofern, glaube ich, ist auch diese Dezentralität, der ja die Kollegialität der Bischöfe – ihre kollegialen Strukturen – entspricht, etwas, was gerade an diesem Punkt angebracht ist. Dass die Länder ihre Gestalten haben und dass sie dort zu ihrer Wirkung kommen. Ich habe auch gesehen, dass diese Seligsprechungen dort ungeheuer viele Menschen ansprechen und die Leute sehen: „Ja, das ist ja einer von uns!“ und dann auf ihn zugehen und von ihm her inspiriert werden. Er gehört zu denen, und wir freuen uns, dass es dort so viele gibt. Und wenn wir allmählich durch die Weltgesellschaft auch mit denen bekannter werden, ist das schön. Aber zunächst mal ist es wichtig, dass es eben auch da die Vielfalt gibt. Und in dem Sinn ist es dann wichtig, dass wir in Deutschland auch unsere eigenen Gestalten sehen lernen und uns daran freuen dürfen. Daneben stehen dann die Heiligsprechungen mit großen Gestalten, die alle der ganzen Kirche zugedacht sind. Ich würde sagen, die einzelnen Bischofskonferenzen sollten auswählen, sollen sehen, wer passt zu uns, wer sagt uns etwas, und sollten dann diese nicht so vielen Gestalten wirklich einprägsam sichtbar machen über die Katechese, die Predigt; vielleicht kann man auch Filme über solche Gestalten lancieren – ich könnte mir schöne Filme vorstellen. Ich kenne natürlich nur die Kirchenväter. Einen Film über Augustinus, über Gregor von Nazianz und seine ganz eigenartige Gestalt (weil er immer wieder davongelaufen ist, weil es ihm zuviel wurde und so) zu bringen und zu zeigen: Es gibt ja nicht nur unsere verflixten Situationen, die uns jetzt im Film beschäftigen, es gibt wunderbare Gestalten der Geschichte, die nicht langweilig sind, sondern Gegenwart haben. Also jedenfalls versuchen, die Leute nicht mit allzu viel zu überschütten, aber für viele solche Gestalten sichtbar zu machen, die gegenwärtig sind und die uns inspirieren.

Frage:
Geschichten, in denen womöglich auch Humor enthalten ist? 1989 wurde Ihnen in München der Karl Valentin-Orden überreicht. Welche Rolle spielen eigentlich Humor und die Leichtigkeit des Seins im Leben eines Papstes?

Benedikt XVI.
(Papst lacht) Ich bin nicht ein Mensch, dem dauernd viele Witze einfallen. Aber sozusagen das Lustige im Leben zu sehen, und die fröhliche Seite daran und alles nicht ganz so tragisch zu nehmen, das ist mir schon sehr wichtig, und ich würde sagen: für mein Amt auch notwendig. Irgendein Schriftsteller hatte gesagt, die Engel können fliegen, weil sie sich leicht nehmen. Und wir könnten auch ein bisschen mehr fliegen, sozusagen, wenn wir uns nicht ganz so schwergewichtig nehmen würden.

Frage:
Wenn man ein solches Amt hat wie Sie, Heiliger Vater, wird man natürlich viel von außen beobachtet. Dritte sprechen über Sie. Und mir ist aufgefallen bei der Lektüre, dass viele Beobachter sagen, der Papst Benedikt ist im Vergleich zu Kardinal Ratzinger eine andere Persönlichkeit. Wie ist denn Ihre eigene Sicht auf Sie, wenn ich mir diese Frage erlauben darf?

Benedikt XVI.
Ich bin ja schon mehrmals zerteilt worden in den frühen Professor und den mittleren Professor – in den frühen Kardinal und in den späten. Jetzt kommt noch eine Teilung dazu. Natürlich prägen die Umstände und die Situation und auch die Menschen, weil man hier verschiedene Verantwortungen hat. Aber sagen wir: Mein Grundnaturell und auch meine Grundvision ist gewachsen, aber in allen wesentlichen Dingen doch identisch geblieben. Ich freue mich, wenn jetzt auch Seiten wahrgenommen werden, die vorher nicht so wahrgenommen worden sind.

Frage:
Und darf man so sagen, Sie genießen Ihr Amt, es ist keine Last?

Benedikt XVI.
Das wäre ein bisschen zuviel, weil es doch mühsam ist. Aber ich versuche jedenfalls, die Freude daran zu finden.

Frage:
Auch im Namen meiner Kollegen darf ich mich für dieses Gespräch, für diese Weltpremiere, sehr herzlich bedanken. Wir freuen uns auf Ihren Besuch in Deutschland, in Bayern. Auf Wiedersehen!

Benedikt XVI.
Danke Ihnen meinerseits ganz herzlich.

06.07.2006

Abschaffung der Zwangs-Rundfunkgebühren in Deutschland - Petition

Ich habe die Petition zu der Abschaffung der Zwangs-Rundfunkgebühren in Deutschland

unterschrieben Ich lade euch zur Unterschrift ein!

07.06.2006

Viva Solana! Die EU bei Putin zu Gast - Solana und die russischen Getränke

Schrecklich und erschreckend! Und das sind unsere Repräsentanten?

Aus der Feder Piotr Romanows (Ria Novosti oder aus Russland.ru).

Solana war von den Getränken besonders angetan

Die lockere Atmosphäre am Schwarzen Meer sorgte für einen produktiven Russland-EU-Gipfel.

MOSKAU, 29. Mai (Pjotr Romanow, RIA Novosti). Letzte Woche hat der russische Präsident Wladimir Putin hohe EU-Repräsentanten zum turnusmäßigen Russland-EU-Gipfel empfangen. Der Vorsitzende der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, der EU-Kommissar für Außenpolitik und Sicherheit, Javier Solana, und der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel - als Regierungschef des Landes, das gegenwärtig den EU-Vorsitz führt - waren bei Putin im Schwarzmeer-Kurort Sotschi zu Gast.

Trotz der optimistischen Prognosen beider Seiten im Vorfeld des Gipfels war dennoch niemand sicher, dass alles glatt verlaufen würde. Seit sich die EU durch neue Länder erweitert hat, die wegen der Phantomschmerzen aus der Sowjetzeit eine unverhüllte Abneigung gegenüber Moskau empfinden, verlaufen die Verhandlungen zwischen Russland und der EU praktisch zu jeder Frage überaus schwierig. Moskau ist sich dessen zwar völlig bewusst, seine Geduld sollte dennoch nicht unendlich lang strapaziert werden. Russland, das gute und produktive bilaterale Beziehungen mit den meisten führenden EU-Ländern pflegt, empfindet es als einen unzulässigen Tempoverlust, wenn die Unterredungen zu nahezu jedem Verhandlungsthema wegen der neuen EU-Länder ins Stocken geraten. Wenn es um ernste Meinungsunterschiede geht, ist ein Bremsen ja verständlich und natürlich, wenn es sich aber um alte Komplexe handelt, wie sie noch ein Siegmund Freud beschrieben hatte, so ist es schon eine andere Sache. Die Kooperation zwischen Russland und der EU wird dadurch eindeutig gebremst.

Dennoch verlief das jüngste Gipfeltreffen nach Meinung beider Seiten zum Glück erfolgreich. Erstens: Unterzeichnet wurde das für die EU so wichtige Abkommen über die Readmission, womit die europäischen Besorgnisse bezüglich einer illegalen Migration in bedeutendem Maße beseitigt werden. Während die EU von diesem Dokument nur profitiert, so hat es für Russland auch eine Kehrseite. Es bereitet für Russland selbst beachtliche Probleme. Zugleich wird damit ein schmerzhaftes Thema in den Beziehungen mit der EU ausgeräumt. Außerdem bekommt Moskau auch einen Trumpf bei den Readmissionsverhandlungen mit anderen rund 30 Ländern, aus denen Bürger entweder illegal in Russland arbeiten oder das russische Territorium - wiederum illegal - für den Transit nach Europa gebrauchen. Russland sieht ein, dass es damit eine beachtliche Bürde übernimmt; zugleich ist es sich auch dessen bewusst, dass dieses akute Problem auf einem legitimen und zivilisierten Weg geregelt werden muss. Was nun auch getan wird.

Das andere beim Gipfel unterzeichnete Abkommen - über die Vereinfachung der Visaformalitäten - ist bereits gewissermaßen ein entgegenkommender Schritt der EU, da dieses Thema für Moskau weiterhin äußerst schmerzhaft ist. U. a. weil ein Teil des russischen Territoriums, das Gebiet Kaliningrad, nach dem UdSSR-Zerfall eine von EU-Ländern umgebene Exklave geworden ist. Infolge der Visa-Barrieren ist es für Moskau nun äußerst kompliziert, normale Beziehungen zu dieser Region aufrechtzuerhalten. Während Russland seinerseits den Eisernen Vorhang zum Westen längst zerstört hat und u. a. mit einigen Ländern visafreie Kontakte pflegt, so bewahrt die EU diesen Vorhang de facto durch die Schengen-Visa. Das jetzige Abkommen hat zwar das Problem nicht radikal gelöst, dieses aber als eine Zwischenlösung, die beide Seiten zufriedenstellt, in vieler Hinsicht entschärft.

Erörtert wurden auch viele andere wichtige Fragen, angefangen bei der Zusammenarbeit im Energiebereich bis hin zum iranischen Atomproblem. Nach der Abschlusspressekonferenz zu urteilen, waren beide Seiten mit der Diskussion zufrieden.

Laut Berichten von Journalisten, die dabei waren, war die Atmosphäre des Gipfels herzlich. Manchmal ließ sie auch beträchtliche Abweichungen vom üblichen Protokoll zu, besonders was Herrn Solana anbelangte. So beschrieb das die einflussreiche russische Zeitung "Kommersant" in ihrem Korrespondentenbericht: "Zur Pressekonferenz erschienen die Spitzenrepräsentanten Russlands und der EU anderthalb Stunden später als zugesagt. Das Mittagessen hatte sie zurückgehalten. Nach dem Mittagessen waren einige von dessen Teilnehmern nicht mehr wieder zu erkennen. So fasste Javier Solana Putin beim Revers und flüsterte ihm etwas heiß und kichernd ins Ohr. Ich wunderte mich, wie es Herrn Putin gelang, bei Javier Solana innerhalb dieser kurzen Zeit eine solche Sympathie zu erwecken, bis ich begriff, dass Solana einfach nicht mehr nüchtern war. Es war ein reines Vergnügen, den EU-Kommissar auf der Bühne zu beobachten. Das, was er angestellt hat, lässt sich nicht spielen. Während der Unterzeichnung der Abkommen schob er den Stuhl unter einer EU-Dame, die die Dokumente signierte, demonstrativ hin und her. Es sah so aus, als halte er sich einfach am Stuhl fest, um nicht zu Boden zu fallen." Na gut, das passiert hin und wieder auch mit Russen.

Abschließend kann man sagen, dass der Gipfel fruchtbar und in einer herzlichen und extrem freundschaftlichen Atmosphäre verlief. Die Teilnehmer - besonders natürlich einige von ihnen - werden das Treffen für lange Zeit in Erinnerung behalten.

 

 

29.05.2006

Predigt Benedikts XVI. während der Heiligen Messe im Krakauer Blonie-Park (28. Mai 2006)

Aus Zenit, "Wir sind gerufen, den Himmel im Blick zu haben"

 

"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" (Apg 1,11) Schwestern und Brüder, heute erklingt im Blonie-Park von Krakau erneut diese Frage, die uns die Apostelgeschichte überliefert. Dieses Mal richtet sie sich an uns alle: "Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" In der Antwort auf diese Frage ist die grundlegende Wahrheit über das Leben und die Bestimmung des Menschen enthalten.

Die angesprochene Frage bezieht sich auf die zwei Haltungen, die mit den beiden Wirklichkeiten verbunden sind, in die das menschliche Leben eingeschrieben ist: die irdische und die himmlische. Zunächst die irdische Wirklichkeit: "Was steht ihr da?" – Warum steht ihr auf der Erde? Wir antworten: Wir stehen auf der Erde, weil uns der Schöpfer zur Krönung des Schöpfungswerkes hierher gesetzt hat. Der allmächtige Gott hat im Einklang mit seinem unaussprechlichen Plan der Liebe den Kosmos erschaffen, ihn aus dem nichts entstehen lassen. Und nachdem er dieses Werk vollbracht hat, rief er den Menschen ins Sein, den er nach dem eigenen Abbild geschaffen hat (vgl. Gen 1,26-27). Er gab ihm die Würde der Gottessohnschaft und der Unsterblichkeit.

Wir wissen aber, dass sich der Mensch verirrte, das Geschenk der Freiheit missbrauchte und Nein zu Gott sagte und sich selbst zu einer Existenz verurteilte, in die das Böse, die Sünde, das Leiden und der Tod Einzug hielten. Aber wir wissen auch, dass Gott vor einer solchen Situation nicht aufgab und direkt in die Geschichte des Menschen eintrat, und dass diese eine Heilsgeschichte wurde.

"Wir stehen auf der Erde": Wir sind in ihr verwurzelt, aus ihr wachsen wir. Hier wirken wir das Gute auf den ausgedehnten Feldern des täglichen Lebens, im Bereich des Materiellen und auch im Bereich des Spirituellen: in gegenseitigen Beziehungen, im Aufbau der menschlichen Gemeinschaft, in der Kultur. Hier erfahren wir die Mühe der Wanderer, die sich entlang verschlungener Pfade auf dem Weg zum Ziel befinden, zwischen Zaudern, Spannungen, Unsicherheiten, aber auch in dem tiefen Bewusstsein, dass dieser Weg früher oder später an sein Ziel gelangen wird. Und da kommt der Gedanke auf: Ist das alles? Ist die Erde, "auf der wir uns befinden", unser endgültiges Schicksal?

In diesem Kontext, müssen wir beim zweiten Teil der in der Apostelgeschichte wiedergegebenen Frage innehalten: "Was schaut ihr zum Himmel empor?" Wir lesen, der Auferstandene wurde "vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken", als die Apostel versuchten, seine Aufmerksamkeit auf die Frage der Wiederherstellung des irdischen Reiches Israels zu lenken. Und sie schauten "unverwandt ihm nach zum Himmel" empor (Apg 1,9-10). Sie schauten also in den Himmel, weil sie Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, mit Blicken begleiteten, der in den Himmel gezogen wurde. Wir wissen nicht, ob sie sich des Umstands bewusst waren, dass sich in jenem Augenblick genau vor ihnen ein wundervoller, unendlicher Horizont eröffnete, das endgültige Ziel der irdischen Pilgerschaft des Menschen. Vielleicht haben sie es erst am Pfingsttag verstanden, erleuchtet vom Heiligen Geist. Für uns aber ist jenes Ereignis von vor zweitausend Jahren gut verstehbar. Wir sind gerufen, den Himmel im Blick zu haben, während wir auf der Erde bleiben; unsere Aufmerksamkeit, unsere Gedanken und unser Herz auf das unaussprechliche Geheimnis Gottes zu richten. Wir sind gerufen, in die Richtung der göttlichen Wirklichkeit zu sehen, auf die der Mensch seit seiner Erschaffung ausgerichtet ist. Dort ist der endgültige Sinn unseres Lebens enthalten.

Liebe Schwestern und Brüder, tief bewegt feiere ich heute die Eucharistie im Blonie-Park von Krakau, ein Ort, an dem der Heilige Vater Johannes Paul II. mehrere Male während seiner unvergesslichen apostolischen Reisen in seinem Heimatland zelebrierte. Im Rahmen der Liturgie begegnete er dem Volk Gottes in allen Winkeln der Erde, aber es besteht kein Zweifel, dass die Feier der Heiligen Messe im Blonie-Park von Krakau für ihn jedes Mal ein außerordentliches Ereignis war. Hier kehrte er mit den Gedanken und dem Herzen zu den Wurzeln, zu den Quellen seines Glaubens und seines Dienstes in der Kirche zurück. Von hier sah er Krakau und ganz Polen. Während seiner ersten Pilgerreise nach Polen sagte er am 10. Juni 1979 mit Nostalgie, als er seine Predigt auf diesem Platz beendete: "So möchte ich – bevor ich von hier fortgehe – noch einmal einen Blick auf Krakau werfen, auf dieses Krakau, in dem mir jeder Stein und jeder Ziegel teuer ist – und ich schaue noch einmal auf Polen..." (5). Während der letzten hier gefeierten Heiligen Messe am 18. August 2002 sagte er während der Predigt: "Dankbar bin ich auch für die Einladung, mein Krakau zu besuchen, und für die Gastfreundschaft, die mir hier entgegengebracht wird" (2). Ich möchte diese Worte aufnehmen, sie zu meinen machen und sie heute wiederholen: Ich danke euch mit ganzem Herzen "für die Einladung, mein Krakau zu besuchen, und für die Gastfreundschaft, die mir hier entgegengebracht wird". Krakau, die Stadt Karol Wojtylas und Johannes Pauls II., ist auch mein Krakau! Es ist auch ein Krakau, das den Herzen unzähliger Heerscharen von Christen in aller Welt lieb ist, die wissen, dass Johannes Paul II. von dieser Stadt her zum vatikanischen Hügel gelangte, vom Hügel Wawel, "aus einem fernen Land", das Dank dieses Ereignisses allen lieb geworden ist.

Zu Beginn des zweiten Jahres meines Pontifikates bin ich aus einem Herzensanliegen nach Polen und nach Krakau gekommen, als Pilger auf den Spuren meines Vorgängers. Ich wollte die Luft seines Heimatlands atmen. Ich wollte das Land sehen, in dem er geboren wurde und in dem er aufwuchs, um den unermüdlichen Dienst an Christus und der Weltkirche aufzunehmen. Ich wollte vor allem die lebenden Menschen treffen, seine Landsleute, euren Glauben erleben, aus dem er den Lebensatem zog, und mich versichern, dass ihr in ihm standhaft seid. Hier will ich Gott auch bitten, in euch das Erbe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu bewahren, das Johannes Paul II. der Welt und in besonderer Weise euch hinterlassen hat.

Ich grüße herzlich alle im Blonie-Park versammelten Personen, bis wohin mein Blick reicht und noch darüber hinaus. Einem jeden von euch würde ich gerne die Hand geben und ihm in die Augen blicken. Ich umarme von Herzen alle, die an unserem Gottesdienst durch Fernsehen oder Radio teilnehmen. Ich grüße ganz Polen. Ich grüße die Kinder und die Jugend, die Familien und die Menschen, die alleine sind, die Kranken und jene, die an Geist oder Körper leiden, die ohne Lebensfreude sind. Ich grüße all jene, die mit ihrer täglichen Arbeit die Güter dieses Landes vermehren. Ich grüße jene Polen, die außerhalb der Grenzen des Heimatlandes leben, in der ganzen Welt. Ich danke Kardinal Stanislaus Dziwisz, Metropolitanerzbischof von Krakau, für die herzlichen Begrüßungsworte. Ich grüße Herrn Kardinal Franziskus Macharski und alle Herren Kardinäle, die Bischöfe, die Priester, die Personen des geweihten Lebens und unsere gemeinsamen Gäste aus zahlreichen Ländern, insbesondere aus den angrenzenden. Ich grüße den Staatspräsidenten, den Premierminister, die Vertreter der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften.

Liebe Schwestern und Brüder, das Motto meiner Pilgerreise auf polnischem Boden, auf den Spuren Johannes Pauls II, besteht in den Worten: "Steht fest im Glauben!" Die in diesen Worten enthaltene Ermahnung ist an uns alle gerichtet, die wir die Gemeinschaft der Jünger Christi bilden, sie ist an einen jeden von uns gerichtet. Der Glaube ist ein sehr persönlicher menschlicher Akt, der sich in zwei Dimensionen verwirklicht. Glauben heißt zu allererst, als Wahrheit anzunehmen, was unser Geist nicht bis ins Tiefste versteht. Man muss das annehmen, was Gott selbst offenbart – über sich, über uns und über die Wirklichkeit, die uns umgibt, auch die unsichtbare, unaussprechliche, unvorstellbare. Dieser Akt der Annahme der geoffenbarten Wirklichkeit erweitert den Horizont unseres Wissens und erlaubt uns, zum Geheimnis zu gelangen, in das unsere Existenz getaucht ist. Die Zustimmung zu dieser Begrenzung der Vernunft gibt man nicht leicht. Und es ist gerade hier, dass sich der Glaube in seiner zweiten Dimension zeigt: darin, sich einer anderen Person anzuvertrauen – nicht einer "gewöhnlichen", sondern Christus. Es ist wichtig, woran wir glauben, aber noch wichtiger ist, wem wir glauben.

Der heilige Paulus spricht zu uns darüber in dem heute vorgelesenen Abschnitt des Epheserbriefes. Gott hat uns einen Geist der Weisheit gegeben und "die Augen unseres Herzens, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir durch ihn berufen sind, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke, die er Christus erwiesen hat" (vgl. Ef 1,17-20). Glauben bedeutet, sich Gott zu überlassen, unser Los ihm anzuvertrauen. Glauben bedeutet, eine höchstpersönliche Bindung mit unserem Schöpfer und Erlöser im Heiligen Geist aufzubauen und dafür zu sorgen, dass diese Bindung das Fundament des ganzen Lebens ist.

Heute haben wir Jesu Worte gehört: "Aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde." (Apg 1,8) Vor Jahrhunderten gelangten diese Worte auch auf polnischem Boden. Sie stellten und stellen beständig eine Herausforderung für all jene dar, die es annehmen, zu Christus zu gehören, für die seine Sache die wichtigste ist. Wir müssen Zeugen Jesu sein, der in der Kirche und den Herzen der Menschen lebt. Er ist es, der uns eine Sendung zuweist. Am Tag seiner Himmelfahrt sagte er zu den Aposteln: "Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen... Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ" (Mk 16,15.20). Liebe Schwestern und Brüder! Mit der Wahl Karol Wojtylas auf den Stuhl Petri zum Dienst an der ganzen Kirche ist euer Land zum Ort eines besonderen Zeugnisses des Glaubens an Jesus Christus geworden. Ihr seid gerufen worden, dieses Zeugnis vor der ganzen Welt zu geben. Diese eure Berufung ist immer aktuell und vielleicht noch mehr seit dem Augenblick des seligen Todes des Dieners Gottes. Möge der Welt euer Zeugnis nicht fehlen!

Bevor ich nach Rom zurückkehre, um meinen Dienst fortzuführen, ermahne ich euch alle, indem ich an jene Worte anknüpfe, die Johannes Paul II. hier 1979 sagte: "Ihr müsst stark sein, liebe Brüder und Schwestern! Stark sein durch die Kraft, die aus dem Glauben kommt! Ihr müsst stark sein durch eure Glaubenskraft! Ihr müsst treu sein! Mehr als in jeder anderen Epoche bedürft ihr gerade heute dieser Kraft. Ihr müsst stark sein durch die Kraft der Hoffnung, die die vollkommene Freude bringt und nicht zulässt, dass ihr den Heiligen Geist beleidigt! Ihr müsst stark sein durch die Liebe, die stärker ist als der Tod... Ihr müsst stark sein durch die Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die bewusst, reif und verantwortungsvoll ist und die uns hilft, mit dem Menschen und mit der Welt zu diesem Zeitpunkt unserer Geschichte den großen Dialog zu führen: den Dialog mit dem Menschen und mit der Welt, der im Dialog mit Gott selbst begründet ist, im Dialog mit dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geist; den Dialog des Heils" (Predigt (italienische Fassung) am 10. Juni 1979, 4).

Auch ich, Benedikt XVI., Nachfolger von Papst Johannes Paul II., bitte euch, von der Erde in den Himmel zu schauen – jenen nicht aus dem Blick zu lassen, dem die Generationen, die auf dieser unserer Erde leben und aufeinander folgen, seit zweitausend Jahren gefolgt sind, indem sie in ihm den endgültigen Sinn des Daseins finden. Bemüht euch, durch den Glauben an Gott bestärkt, mit Eifer sein Reich auf Erden zu festigen: das Reich des Guten, der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Barmherzigkeit. Ich bitte euch, das Evangelium mit Mut vor der Welt von heute zu bezeugen, indem ihr die Hoffnung zu den Armen, den Leidenden, den Verlassenen, den Verzweifelten bringt, zu jenen, die nach Freiheit, Wahrheit und Frieden dürsten. Indem ihr dem Nächsten Gutes tut und zeigt, dass ihr euch für das Gemeinwohl einsetzt, bezeugt ihr, dass Gott die Liebe ist.

Ich bitte euch schließlich, den Schatz des Glaubens mit den anderen Völkern Europas und der Welt zu teilen, auch unter Beachtung des Andenkens eures Landsmannes, der dies als Nachfolger Petri mit außerordentlicher Kraft und Wirksamkeit getan hat. Denkt in euren Gebeten und Opfern auch an mich, wie ihr an meinen großen Vorgänger gedacht habt, auf dass ich die mir von Christus anvertraute Sendung erfüllen kann. Ich bitte euch, steht fest im Glauben! Steht fest in der Hoffnung! Steht fest in der Liebe! Amen!

[Von "Radio Vatikan" veröffentlichte deutsche Übersetzung]

28.05.2006

Mahnruf der Menschlichkeit - Benedikt in Auschwitz-Birkenau

Mahnruf der Menschlichkeit

 

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An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich - ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschütterndes Schweigen stehen - Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hat du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, daß er solches nie wieder geschehen lasse.

 

Vor 27 Jahren, am 7. Juni 1979, stand hier Papst Johannes Paul II. Er sagte damals: "Heute komme ich hierher als Pilger. Es ist bekannt, daß ich viele Male hierher gekommen bin... Wie oft! Und oft bin ich hinabgestiegen in die Todeszelle vom Maximilian Kolbe und bin stehengeblieben vor der Hinrichtungsmauer, durch die Trümmer der Krematorien von Birkenau gegangen. Ich konnte als Papst unmöglich nicht hierherkommen."

Papst Johannes Paul II. stand hier als Kind des Volkes, das neben dem jüdischen Volk am meisten an diesem Ort und überhaupt im Laufe des Krieges hat leiden müssen: "Sechs Millionen Polen haben ihr Leben während des Zweiten Weltkriegs verloren, ein Fünftel der Nation", sagte der Papst damals erinnernd. Er hat hier den Mahnruf zur Achtung der Rechte des Menschen und der Nationen erhoben, den zuvor seine Vorgänger Johannes XXIII. und Paul VI. vor der Welt erhoben hatten, und hat hinzugefügt: "Ich verkündige diese Rechte als Sohn der Nation, die in ihrer entfernten und jüngeren Geschichte vielfältige Qualen durch andere erlitten hat. Ich sage dies nicht, um anzuklagen, sondern um zu erinnern. Ich spreche im Namen aller Nationen, deren Rechte verletzt und vergessen werden..."

 

Papst Johannes Paul II. stand hier als Sohn des polnischen Volkes. Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes, und gerade deshalb muß ich, darf ich, wie er sagen: Ich konnte unmöglich nicht hierherkommen. Ich mußte kommen. Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen - als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so daß unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und mißbraucht werden konnte. Ja, ich konnte unmöglich nicht hierherkommen.

 

Am 7. Juni 1979 hatte ich als Erzbischof von München und Freising unter den vielen Bischöfen hier gestanden, die den Papst begleiteten, auf ihn hörten und mit ihm beteten. 1980 war ich dann noch einmal mit einer Delegation deutscher Bischöfe an diese Stätte des Grauens gegangen, erschüttert ob des Bösen und dankbar dafür, daß über dieser Finsternis der Stern der Versöhnung aufgegangen war. Dazu bin ich auch heute hier: die Gnade der Versöhnung zu erbitten - von Gott zuerst, der allein unsere Herzen auftun und reinigen kann; von den Menschen, die hier gelitten haben, und schließlich die Gnade der Versöhnung für alle, die in dieser unserer Stunde der Geschichte auf neue Weise unter der Macht des Hasses und der vom Haß geschürten Gewalt leiden.

 

Wie viele Fragen bewegen uns an diesem Ort! Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß von Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden? Die Worte des Psalm 44 kommen uns in den Sinn, die Klage, des leidenden Israels: "...Du hast uns verstoßen an den Ort der Schakale und uns bedeckt mit Finsternis... Um deinetwillen werden wir getreten Tag für Tag, behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Wach auf, warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß uns nicht für immer! Warum verbirgst du dein Gesicht, vergißt unsere Not und Bedrängnis? Unsere Seele ist in den Staub hinabgebeugt, unser Leib liegt am Boden. Steh auf - hilf uns! In deiner Huld erlöse uns!" (Ps 44, 20.23-27). Dieser Notschrei des leidenden Israels an Gott in Zeiten der äußersten Bedrängnis ist zugleich der Notruf all derer in der Geschichte - gestern, heute und morgen -, die um Gottes willen, um der Wahrheit und des Guten willen leiden, und das sind viele, auch heute.

 

Wir können in Gottes Geheimnis nicht hineinblicken - wir sehen nur Fragmente und vergreifen uns, wenn wir uns zum Richter über Gott und die Geschichte machen wollen. Dann würden wir nicht den Menschen verteidigen, sondern zu seiner Zerstörung beitragen. Nein - im letzten müssen wir bei dem demütigen, aber eindringlichen Schrei zu Gott bleiben: Wach auf! Vergiß dein Geschöpf Mensch nicht! Und unser Schrei an Gott muß zugleich ein Schrei in unser eigenes Herz hinein sein, daß in uns die verborgene Gegenwart Gottes aufwache - daß seine Macht, die er in unserem Herzen hinterlegt hat, nicht in uns vom Schlamm der Eigensucht, der Menschenfurcht und der Gleichgültigkeit, des Opportunismus verdeckt und niedergehalten werde. Wir stoßen diesen Ruf an Gott, diesen Ruf in unser eigenes Herz hinein, gerade auch in dieser unserer gegenwärtigen Stunde aus, in der neue Verhängnisse drohen, in der neu alle dunklen Mächte aus dem Herzen des Menschen aufzusteigen scheinen - auf der einen Seite der Mißbrauch Gottes zur Rechtfertigung blinder Gewalt gegen Unschuldige, auf der anderen Seite der Zynismus, der Gott nicht kennt und den Glauben an ihn verhöhnt. Wir rufen zu Gott, daß er die Menschen zur Einsicht bringe, damit sie erkennen, daß Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft - eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können. Der Gott, dem wir glauben, ist ein Gott der Vernunft, einer Vernunft, die freilich nicht neutrale Mathematik des Alls, sondern eins mit der Liebe, mit dem Guten ist. Wir bitten Gott, und wir rufen zu den Menschen, daß diese Vernunft, die Vernunft der Liebe, der Einsicht in die Kraft der Versöhnung und des Friedens die Oberhand gewinne inmitten der uns umgebenden Drohungen der Unvernunft oder einer falschen, von Gott gelösten Vernunft.

Der Ort, an dem wir stehen, ist ein Ort des Gedächtnisses. Das Vergangene ist nie bloß vergangen. Es geht uns an und zeigt uns, welche Wege wir nicht gehen dürfen und welche wir suchen müssen. Wie Johannes Paul II. bin ich die Steine entlanggegangen, die in den verschiedenen Sprachen an die Opfer dieses Ortes erinnern: in weißrussisch, tschechisch, deutsch, französisch, griechisch, hebräisch, kroatisch, italienisch, jiddisch, ungarisch, niederländisch, norwegisch, polnisch, russisch, roma, rumänisch, slowakisch, serbisch, ukrainisch, jüdisch-spanisch und englisch. All diese Gedenksteine künden von menschlichem Leid, lassen uns Zynismus der Macht ahnen, die Menschen als Material behandelte und sie nicht als Personen anerkannte, in denen Gottes Ebenbild aufleuchtet.

 

Einige Steine laden zu einem besonderen Gedenken ein. Da ist der Gedenkstein in hebräischer Sprache. Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; auf furchtbare Weise haben sich die Psalmworte bestätigt: "Wie Schafe werden wir behandelt, die zum Schlachten bestimmt sind." Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören - ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels sollte im letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht und endgültig durch den neuen, selbstgemachten Glauben an die Herrschaft der Menschen, des Starken, ersetzt werden.

 

Da ist dann der Stein in polnischer Sprache: Man wollte zunächst und zuerst die geistige Führung Polens auslöschen und damit das Volk als eigenes geschichtliches Subjekt austilgen, um es, soweit es weiter bestand, zu einem Volk von Sklaven zu erniedrigen. Dann lädt besonders der Stein zum Nachdenken ein, der in der Sprache der Sinti und Roma geschrieben ist. Auch hier sollte ein ganzes Volk verschwinden, das quer durch die einzelnen Völker wandert und lebt. Es wurde zu den unnützen Elementen der Weltgeschichte gerechnet, in einer Weltanschauung, in der nur noch der meßbare Nutzen zählen sollte; alles andere wurde nach deren Vorstellungen als lebensunwertes Leben eingestuft. Da ist dann der Gedenkstein in russisch, der uns die ungeheueren Blutopfer der russischen Soldaten im Kampf gegen das nationalsozialistische Terror-Regime erinnert und freilich zugleich an die tragische Doppelbedeutung ihres Einsatzes denken läßt: daß sie, während sie Völker von der einen Diktatur befreiten, doch auch dazu dienen mußten, dieselben Völker einer neuen Diktatur, derjenigen Stalins und der kommunistischen Ideologie, zu unterwerfen. Auch alle anderen Steine in den vielen Sprachen Europas sprechen zu uns von dem Leiden der Menschen aus diesem ganzen Kontinent; sie würden erst vollends zu unserem Herzen sprechen, wenn wir nicht mehr nur der Opfer im großen und ganzen gedächten, sondern die einzelnen Gesichter von Menschen sehen würden, die hier im Dunkel des Terrors endeten.

Es war mir eine Pflicht, auch vor dem Gedenkstein in deutscher Sprache besonders innezuhalten. Von dort tritt das Gesicht von Edith Stein, Theresia Benedicta vom heiligen Kreuz, auf uns zu - Jüdin und Deutsche, die zusammen mit ihrer Schwester im Grauen der Nacht des nazideutschen Konzentrationslagers verschwunden ist, die als Christin und als Jüdin mit ihrem Volk und für ihr Volk sterben wollte. Die Deutschen, die damals nach Auschwitz-Birkenau verbracht wurden und hier gestorben sind, wurden als Abschaum der Nation hingestellt. Aber nun erkennen wir sie dankbar als die Zeugen der Wahrheit und des Guten, das auch in unserem Volk nicht untergegangen war. Wir danken diesen Menschen, daß sie sich der Macht des Bösen nicht gebeugt haben und so als Lichter in einer dunklen Nacht vor uns stehen. Wir beugen uns in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor all denen, die wie die drei Jünglinge angesichts der Drohung des babylonischen Feuerofens geantwortet haben: "Wenn überhaupt jemand, so kann nur unser Gott... uns retten. Tut er es aber nicht, so sollst du, König, wissen: Auch dann verehren wir deine Götter nicht und beten das goldene Standbild nicht an, das du errichtet hast" (Dan 3, 17f).

 

Ja, hinter diesen Gedenksteinen verbirgt sich das Geschick von unzähligen Menschen. Sie rütteln unser Gedächtnis auf, sie rütteln unser Herz auf. Nicht zum Haß wollen sie uns bringen: Sie zeigen uns, wie furchtbar das Werk des Hasses ist. Sie wollen uns zur Einsicht bringen, die das Böse als Böses erkennt und verneint; sie wollen den Mut zum Guten, zum Widerstand gegen das Böse in uns wecken. Sie wollen uns zu jener Gesinnung bringen, die sich in den Worten ausdrückt, die Sophokles der Antigone angesichts des Grauens um sie herum in den Mund gelegt hat: "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da."

 

Gottlob wachsen im Umkreis dieser Stätte des Grauens mit der Reinigung des Gedächtnisses, zu der sie uns drängt, vielfältige Initiativen, die dem Bösen eine Grenze setzen, dem Guten Kraft geben wollen. Eben durfte ich das Zentrum für Dialog und Gebet segnen. Ganz nah dabei vollzieht sich das verborgene Leben der Karmelitinnen, die sich besonders dem Geheimnis des Kreuzes Christie verbunden wissen und uns an den Glauben der Christen erinnern, daß Gott selbst in die Hölle des Leidens abgestiegen ist und mit uns leidet. In Ooewiêcim bestehen das Zentrum des heiligen Maximilian und das Internationale Zentrum für die Erziehung über Auschwitz und den Holocaust. Es gibt das Internationale Haus für Jugendbegegnungen. Bei einem der alten Gebetshäuser besteht das Jüdische Zentrum. Schließlich ist die Akademie für die Menschenrechte im Aufbau begriffen. So dürfen wir hoffen, daß aus dem Ort des Grauens Besinnung wächst und daß das Erinnern hilft, dem Bösen zu widerstehen und der Liebe zum Sieg zu verhelfen.

Die Menschheit hat in Auschwitz-Birkenau ein "finstere Schlucht" durchschritten. So möchte ich gerade an dieser Stelle mit einem Gebet des Vertrauens schließen - einen Psalm Israels, der zugleich Gebet der Christenheit ist: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er läßt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht... Im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit" (Ps 23, 1-4.6).

Gebet des Papstes bei seinem Besuch in Auschwitz-Birkenau

Artikel erschienen am Montag, 29. Mai 2006.

 

Also morgen!

27.05.2006

Der Priester, "Zeuge der ewigen Wahrheit": Begegnung Benedikts XVI. mit dem Klerus in der Kathedrale von Warschau

"In einer Welt, in der es so viel Lärm, so viel Verirrung gibt, bedarf es der schweigsamen Anbetung des in der Hostie verborgenen Jesus"

 

"Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle… Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben“ (Röm 1,8-12).

Mit diesen Worten des Apostels Paulus wende ich mich an euch, liebe Priester, weil ich in ihnen meine heutigen Gefühle und Gedanken, meine Wünsche und Gebete vollkommen widergespiegelt finde. Ich grüße besonders Kardinal Józef Glemp, Erzbischof von Warschau und Primas von Polen, dem ich meine herzlichsten Glückwünsche zu seinem 50. Priesterweihejubiläum übermittle, das genau auf den heutigen Tag fällt.

Ich bin nach Polen gekommen, dem geliebten Vaterland meines großen Vorgängers Johannes Paul II., um – wie er es zu tun pflegte – aus diesem Klima des Glaubens, in dem ihr lebt, zu schöpfen und ein paar "geistliche Gaben zu vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet". Ich vertraue darauf, dass meine Pilgerschaft dieser Tage dazu dient, "miteinander Zuspruch zu empfangen durch euren und meinen Glauben".

Ich treffe mich mit euch heute in der Erzkathedrale von Warschau, die mit jedem Stein an die schmerzhafte Geschichte eurer Hauptstadt und eures Landes erinnert. Welchen Heimsuchungen wart ihr in gar nicht allzu weit entfernten Zeiten ausgesetzt! Wir gedenken der heldenhaften Glaubenszeugen, die ihr Leben Gott und den Menschen darbrachten; der kanonisierten Heiligen und auch jener "gewöhnlichen" Menschen, die in Rechtschaffenheit, Authentizität und Güte ausharrten, ohne je dem Misstrauen zu verfallen. In dieser Kathedrale gedenke ich insbesondere des Dieners Gottes Kardinal Stefan Wyszyński, den ihr den "Primas des Jahrtausends" nennt. Er gab sich Christus und seiner Mutter hin und verstand es dadurch, der Kirche treu zu dienen, obwohl er schmerzhafte, lange Prüfungen ertragen musste. Wir gedenken mit Anerkennung und Dankbarkeit all derer, die sich von den Mächten der Finsternis nicht überwältigen ließen. Von ihnen lernen wir den Mut, am Evangelium Christi konsequent und beständig festzuhalten.

Ich treffe mich heute mit euch, den Priestern. Ihr seid von Christus dazu berufen worden, ihm im neuen Jahrtausend zu dienen; ihr seid aus dem Volk auserwählt worden und zu jenen Dingen bestellt, die Gott betreffen, um für die Sünden Gaben und Opfer darzubieten. Glaubt an die Macht eures Priestertums! Durch das Sakrament habt ihr all das empfangen, was ihr seid. Wenn ihr die Worte "ich" oder "mein" aussprecht ("Ich spreche dich los…", "Das ist mein Leib…"), so tut ihr dies nicht in eurem Namen, sondern im Namen Christi, "in persona Christi", der sich eurer Lippen und eurer Hände, eures Opfergeistes und eurer Talente bedienen will. Im Augenblick eurer Priesterweihe hat euch Christus durch das liturgische Zeichen der Handauflegung unter seinen besonderen Schutz genommen; ihr seid unter seinen Händen und in seinem Herz geborgen. Taucht ein in seine Liebe und schenkt ihm eure Liebe! Als eure Hände mit dem Öl – Zeichen des Heiligen Geistes – gesalbt worden sind, wurden sie dazu bestimmt, dem Herrn als dessen Hände in der heutigen Welt zu dienen. Sie dürfen nicht mehr dem Egoismus dienen, sondern sie müssen in der Welt das Zeugnis seiner Liebe weitergeben.

Die Größe des Priestertums Christi kann Furcht einflößen. Man kann versucht sein, mit Petrus auszurufen: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder" (Lk 5,8), weil es uns schwer fällt zu glauben, dass Christus gerade uns berufen hat. Hätte er keinen anderen, fähigeren, heiligeren als uns wählen können? Jesus aber hat seinen Blick mit einer ganz eigenen Liebe auf einen jeden von uns geheftet, und diesem seinem Blick müssen wir vertrauen. Lassen wir uns nicht von der Hast gefangen nehmen, als wäre die Christus im schweigsamen Gebet gewidmete Zeit eine verlorene Zeit. Im Gegenteil: Gerade dort ist es, wo die wunderbaren Früchte des pastoralen Dienstes entstehen. Man darf nicht mutlos werden, wenn das Gebet Anstrengung erfordert, und ebenso wenig, wenn man den Eindruck hat, dass Jesus schweigt – er schweigt, aber er wirkt. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gerne an die Erfahrungen des vergangenen Jahres in Köln: Damals war ich zum Zeiptpunkt der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments Zeuge eines tiefen, unvergesslichen Schweigens von einer Million Jugendlichen! Dieses betende Schweigen einte uns und schenkte uns so großen Trost. In einer Welt, in der es so viel Lärm, so viel Verirrung gibt, bedarf es der schweigsamen Anbetung des in der Hostie verborgenen Jesus. Seid eifrig im Gebet der Anbetung, und lehrt es die Gläubigen. In ihr werden vor allem diejenigen Trost und Licht finden, die heimgesucht worden sind.

Von den Priestern erwarten sich die Gläubigen nur eines: dass sie Spezialisten bei der Förderung der Begegnung des Menschen mit Gott sind. Vom Priester wird nicht verlangt, dass er ein Experte in Wirtschaft, im Bauwesen oder in der Politik ist. Von ihm erwartet man sich, dass er ein Experte in geistlichen Leben ist. Wenn ein junger Priester seine ersten Schritte tut, ist es somit notwendig, dass er einen erfahrenen Meister als Bezugspunkt hat, der ihm dabei hilft, sich unter den vielen Vorschlägen der Kultur des Augenblicks nicht zu verlieren. Angesichts der Versuchungen des Relativismus oder der Zügellosigkeit ist es in der Tat nicht notwendig, dass der Priester alle aktuellen und veränderlichen Denkströme kennt; das, was sich die Gläubigen von ihm erwarten, ist, dass er Zeuge der ewigen, im offenbarten Wort enthaltenen Weisheit ist. Die Sorge um die Qualität des persönlichen Gebets und um eine gute theologische Ausbildung trägt im Leben Früchte.

Ein Leben unter dem Einfluss des Totalitarismus kann eine unbewusste Tendenz dazu erzeugt haben, sich hinter einer äußeren Maske zu verstecken. Dies kann zur Konsequenz haben, einer Art Heuchelei nachzugeben. Es ist klar, dass das für die Authentizität der brüderlichen Beziehungen nicht von Nutzen ist und zu einer übertriebenen Konzentration auf sich selbst führen kann. Wirklich wächst man in der affektiven Reife, wenn das Herz Gott anhängt. Christus braucht Priester, die reif, männlich und dazu fähig sind, eine echt väterliche Spiritualität zu pflegen. Damit das geschehen kann, bedarf es der Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, bedarf es der Öffnung gegenüber dem geistlichen Leiter und des Vertrauens in die göttliche Barmherzigkeit.

Papst Johannes Paul II. ermahnte anlässlich des Großen Jubiläums mehrmals die Christen, die in der Vergangenheit begangene Untreue zu bereuen. Wir glauben, dass die Kirche heilig ist, aber in ihr leben sündige Menschen. Der Wunsch, sich nur mit denen zu identifizieren, die ohne Sünde sind, muss zurückgewiesen werden. Wie hätte die Kirche die Sünder aus ihren Reihen ausschließen können? Für ihr Heil ist Jesus Fleisch geworden, gestorben und auferstanden. Deshalb muss man lernen, mit Aufrichtigkeit die christliche Buße zu leben. Indem wir sie praktizieren, bekennen wir die individuellen Sünden in Einheit mit den anderen, vor ihnen und vor Gott. Nichtsdestoweniger ist es nötig, sich vor dem Anspruch in Acht zu nehmen, sich mit Arroganz anzumaßen, Richter der vorhergegangenen Generationen zu sein, die in anderen Zeiten und in anderen Umständen gelebt haben. Es bedarf der demütigen Aufrichtigkeit, um die Sünden der Vergangenheit nicht zu leugnen und dennoch nicht gegenüber leichten Anklagen in Abwesenheit von wirklichen Beweisen oder in Unkenntnis der verschiedenen damaligen Vorverständnisse Nachsicht zu zeigen. Darüber hinaus muss die "confessio peccati", um einen Ausdruck des heiligen Augustinus zu bemühen, immer von der "confessio laudis" begleitet sein – vom "Bekenntnis des Lobes". Wenn wir für das in der Vergangenheit begangene Böse um Vergebung bitten, müssen wir auch des Guten gedenken, das mit Hilfe der göttlichen Gnade vollbracht worden ist und oft, obwohl es in Gefäßen aus Ton verwahrt war, hervorragende Fürchte gebracht hat.

Heute steht die Kirche Polens vor einer großen pastoralen Herausforderung: der Herausforderung, sich um diejenigen zu kümmern, die das Land verlassen haben. Die Plage der Arbeitslosigkeit zwingt zahlreiche Menschen, ins Ausland zu reisen. Dabei handelt es sich um ein weit verbreitetes Phänomen. Wenn die Familien auf diese Weise getrennt werden, wenn die sozialen Bande zerbrechen, kann die Kirche nicht gleichgültig bleiben. Es ist notwendig, dass die Menschen, die ausreisen, von Priestern begleitet werden, die in Verbindung mit den Ortskirchen die pastorale Arbeit unter den Emigranten aufnehmen. Die Kirche in Polen hat [der Welt] schon zahlreiche Priester und Ordensfrauen geschenkt, die ihren Dienst nicht nur zu Gunsten der Polen außerhalb der Grenzen des Landes, sondern auch – und manchmal unter sehr schwierigen Bedingungen – in der Mission in Afrika, Asien, Lateinamerika und anderen Gegenden verrichten. Liebe Priester, vergesst diese Missionare nicht. Das Geschenk zahlreicher Berufungen, mit dem Gott eure Kirche gesegnet hat, muss in einer wirklich katholischen Perspektive angenommen werden. Priester Polens, habt keine Angst, eure sichere und bekannte Welt zu verlassen, um dort zu dienen, wo es an Priestern mangelt und wo eure Großzügigkeit reiche Frucht bringen kann.

Bleibt fest im Glauben! Auch euch empfehle ich diesen Wahlspruch meiner Pilgerreise an. Seid authentisch in eurem Leben und in eurem Dienst. Führt mit Blick auf Christus ein bescheidenes Leben, das mit den Gläubigen, zu denen ihr gesandt seid, solidarisch ist. Dient allen; seid zugänglich in den Pfarreien und in den Beichtstühlen, begleitet die neuen Bewegungen und Vereinigungen, unterstützt die Familien, vernachlässigt nicht den Kontakt mit der Jugend, denkt an die Armen und Verlassenen. Wenn ihr aus dem Glauben lebt, wird euch der Heilige Geist zu verstehen geben, was ihr sagen und wie ihr dienen sollt. Ihr könnt immer auf die Hilfe von ihr [der Jungfrau Maria, Anm. d. Übers.] zählen, die der Kirche im Glauben voranschreitet. Ich ermuntere euch dazu, sie immer mit den euch wohl bekannten Worten anzurufen: "Wir sind dir nahe, wir gedenken deiner, wir wachen."

Allen mein Segen!

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]

 

 

"Bleibt stark im Glauben!" Predigt Benedikts XVI. während der Heiligen Messe auf dem Pilsudski-Platz in Warschau (26. Mai 2006)

"Wenn wir uns Christus anvertrauen, verlieren wir nichts und gewinnen alles"

 

Gelobt sei Jesus Christus!

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, unserem Herrn, "ich will zusammen mit euch ein Danklied auf die göttliche Vorsehung anstimmen, die es mir erlaubt, heute hier als Pilger zu stehen". Mit diesen Worten begann vor 27 Jahren mein geliebter Vorgänger Johannes Paul II. seine Predigt in Warschau. Ich mache sie mir zu Eigen und danke dem Herrn, dass er es mir gestattet hat, heute auf diesen historischen Platz gekommen zu sein. Hier sprach Johannes Paul II. in der Pfingstvigil das bedeutsame Gebet: "Dein Geist komme herab und erneuere das Angesicht der Erde." Und er fügte hinzu: "dieser Erde!" An diesem selben Ort wurde der große Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszyński, mit einer feierlichen Begräbniszeremonie verabschiedet. Dieser Tage begehen wir den 25. Jahrestag seines Todes.

Gott einte diese beiden Menschen nicht nur durch denselben Glauben, dieselbe Hoffnung und dieselbe Liebe, sondern auch durch dieselben menschlichen Umstände, die den einen und den anderen so stark mit der Geschichte dieses Volkes und der Kirche, die in ihm lebt, verbunden haben. Zu Beginn seines Pontifikats schrieb Johannes Paul II. an Kardinal Wyszyński: "Auf dem Stuhl Petri säße nicht dieser polnische Papst, der heute voller Furcht vor Gott, aber auch voller Vertrauen, seinen neuen Pontifikat beginnt, wäre da nicht Dein Glaube gewesen, der sich vor dem Gefängnis und dem Leid nicht gebeugt hat; wären da nicht Deine heroische Hoffnung, Dein tiefes Vertrauen in die Mutter der Kirche gewesen; wäre da nicht Jasna Góra und dieser ganze historische Abschnitt der Geschichte der Kirche in unserem Vaterland gewesen, der mit Deinem Dienst als Bischof und Primas verbunden ist" (Brief von Johannes Paul II. an die Polen, 23.10.1978). Wie könnten wir heute Gott nicht dafür danken, was sich während des Pontifikats von Johannes Paul II. in eurem Vaterland und auf der ganzen Welt verwirklicht hat? Vor unseren Augen haben sich Veränderungen ganzer politischer, wirtschaftlicher und sozialer Systeme ereignet. Die Menschen verschiedener Länder haben wieder die Freiheit und den Sinn für die Würde erlangt. "Wir vergessen die großen Werke Gottes nicht" (vgl. Ps 78,7). Ich danke auch für eure Gegenwart und für euer Gebet. Dank dem Kardinalprimas für die an mich gerichteten Worte. Ich grüße alle anwesenden Bischöfe. Ich bin erfreut über die Teilnahme des Herrn Präsidenten und der staatlichen und lokalen Autoritäten. Ich grüße aus ganzem Herzen alle Polen, die in der Heimat oder im Ausland leben.

"Bleibt stark im Glauben!" Wir haben gerade die Worte Jesu gehört: "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll – den Geist der Wahrheit" (Joh 14, 15-17a). In diesen Worten offenbart Jesus die tiefen Bande, die zwischen dem Glauben und dem Bekenntnis der göttlichen Wahrheit bestehen, zwischen dem Glauben und der Hingabe an Jesus Christus in der Liebe, zwischen dem Glauben und der Praxis des von den Geboten inspirierten Lebens. Alle drei Glaubensdimensionen sind Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes. Dieses Wirken erweist sich als innere Kraft, die die Herzen der Jünger in Einklang mit dem Herzen Christi schwingen lässt und dazu befähigt, die Brüder so zu lieben, wie er sie geliebt hat. So ist der Glaube eine Gabe, gleichzeitig aber eine Aufgabe.

"Er wir euch einen anderen Beistand geben – den Geist der Wahrheit." Der Glaube gründet, wie die Erkenntnis und das Bekenntnis der Wahrheit über Gott und den Menschen, "in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi", sagt der heilige Paulus (Röm 10,17). Im Lauf der Geschichte der Kirche haben die Apostel das Wort Christi verkündet und sich zugleich darum bemüht, es ihren Nachfolgern unversehrt zu übergeben, die es ihrerseits bis zu unseren Tagen den nachfolgernden Generationen überliefert haben. Viele Verkündiger des Evangeliums haben ihr Leben aus Treue zur Wahrheit des Wortes Christi hingegeben. Und so ist aus der Sorge um die Wahrheit die Tradition der Kirche entstanden. Wie in den vergangenen Jahrhunderten gibt es auch heute Menschen oder Bereiche, die die Tradition der Jahrhunderte vernachlässigen und auf diese Weise das Wort Christi verfälschen und dem Evangelium die ihrer Meinung nach für den modernen Menschen zu unbequemen Wahrheiten nehmen wollen. Man versucht, den Eindruck zu erwecken, dass alles relativ wäre: auch die Glaubenswahrheiten hingen von der historischen Situation und der menschlichen Wertung ab. Die Kirche aber kann den Geist der Wahrheit nicht verschweigen. Die Nachfolger der Apostel sind zusammen mit dem Papst für die Wahrheit des Evangeliums verantwortlich, und auch alle Christen sind dazu aufgerufen, diese Verantwortung zu teilen, indem sie deren angesehenen Weisungen akzeptieren. Jeder Christ ist dazu angehalten, seine eigenen Überzeugungen kontinuierlich mit den Lehren des Evangeliums und der Tradition der Kirche zu vergleichen, und zwar im Bemühen, dem Wort Christi auch dann treu zu bleiben, wenn es anspruchsvoll und menschlich betrachtet schwer verständlich ist. Wir dürfen nicht der Versuchung des Relativismus oder der subjektiven und selektiven Interpretation der Heiligen Schrift verfallen. Nur die unversehrte Wahrheit kann uns dafür öffnen, Christus anzuhängen, der für unser Heil gestorben und auferstanden ist.

Christus sagt: "Wenn ihr mich liebt…" Glauben heißt nicht nur, eine gewisse Anzahl von abstrakten Wahrheiten hinsichtlich der Geheimnisse Gottes, des Menschen, des Lebens und des Todes und der künftigen Wirklichkeiten zu akzeptieren. Der Glaube besteht in einer innigen Beziehung zu Christus, einer Beziehung, die auf der Liebe dessen aufbaut, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,11) bis hin zum totalen Opfer seiner selbst. "Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren" (Röm 5,8). Welche andere Antwort könnten wir auf eine so große Liebe geben, wenn nicht die eines offenen und zur Liebe bereiten Herzens? Aber was will das heißen: Christus lieben? Es will heißen, ihm auch in der Stunde der Prüfung zu vertrauen, ihm auch auf dem Kreuzweg treu nachzufolgen. Wenn wir uns Christus anvertrauen, verlieren wir nichts und gewinnen alles. In seinen Händen erhält unser Leben seinen wahren Sinn. Die Liebe zu Christus kommt in dem Willen zum Ausdruck, das eigene Leben mit den Gedanken und Gefühlen seines Herzens in Einklang zu bringen. Das wird durch die innere Einheit verwirklicht, die auf der Gnade der Sakramente beruht und die durch das ständige Gebet, durch Lob, Dank und Buße gestärkt wird. Ein aufmerksames Hinhören auf die Eingebungen, die er durch sein Wort, durch die Menschen, die wir treffen, und die Situationen des alltäglichen Lebens hervorbringt, darf nicht fehlen. Ihn zu lieben heißt, im Dialog mit ihm zu bleiben, um seinen Wille zu erkennen und diesen Willen unverzüglich zu verwirklichen.

Den eigenen Glauben als Liebesbeziehung mit Christus zu leben heißt aber auch, bereit zu sein, auf all das zu verzichten, was eine Verneinung seiner Liebe darstellt. Deshalb sagt Jesus den Aposteln: "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote beachten." Welche sind aber die Gebote Christi? Als der Herr Jesus die Menge lehrte, vergaß er nicht darauf, jenes Gesetz zu bekräftigen, das der Schöpfer in das Herz des Menschen eingeschrieben und dann auf den Tafeln der Zehn Gebote formuliert hatte. "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist" (Mt 5,17-18). Jesus hat uns aber mit einer neuen Klarheit den einenden Mittelpunkt der göttlichen, auf dem Sinai offenbarten Gesetze gezeigt, das heißt die Liebe Gottes und die Liebe zum Nächsten: "(Gott) mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer" (Mk 12,33). Mehr noch: Jesus hat in seinem Leben und in seinem österlichen Geheimnis das ganze Gesetz zur Vollendung geführt. Indem er sich mit uns durch den Heiligen Geist vereinigt, trägt er mit uns und in uns das "Joch" des Gesetzes, das so zu einer "leichten Last" wird (Mt 11,30). In diesem Geist formulierte Jesus die Liste von inneren Eigenschaften jener Menschen, die versuchen, den Glauben zutiefst zu leben: Selig, die arm sind vor Gott; selig, die weinen, die keine Gewalt anwenden, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; selig die Barmherzigen und diejenigen, die ein reines Herz haben; selig die Friedensstifter und diejenigen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden… (vgl. Mt 5, 3-12).

Liebe Brüder und Schwestern, der Glaube als Festhalten an Christus offenbart sich als Liebe, die dazu drängt, das Gute zu fördern, das der Schöpfer in die Natur eines jeden von uns hineingelegt hat, in die Persönlichkeit jedes anderen Menschen und in alles, was in der Welt existiert. Wer glaubt und auf diese Weise liebt, wird zum Erbauer der wahren "Zivilisation der Liebe", deren Zentrum Christus ist. Vor 27 Jahren sagte Johannes Paul II. an diesem Ort: "Polen ist für die heutige Zeit zu einem Land des besonders verantwortungsbewussten Zeugnisses geworden" (Warschau, 2.6.1979). Ich bitte euch, pflegt dieses reiche Erbe des Glaubens, das euch von den vorangegangenen Generationen übergeben wurde und das Denken und den Dienst jenes großen Polen, Johannes Pauls II., geprägt hat. Bleibt stark im Glauben, und gebt ihn an eure Kinder weiter. Seid Zeugen der Gnade, die ihr in im Lauf eurer Geschichte in so reichem Maße durch den Heiligen Geist erfahren habt. Maria, die Königin Polens, möge euch den Weg zu ihrem Sohn weisen und euch auf dem Weg zu einer glücklichen und friedvollen Zukunft begleiten. Nie soll in euren Herzen die Liebe für Christus und seine Kirche fehlen. Amen!

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]

26.05.2006

Zeugnis für Christus, Caritas, Ehe und Familie: Ökumenische Begegnung mit Papst Benedikt in der Lutheranischen Dreifaltigkeitskirche in Warschau

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"Unterwegs zur Begegnung mit Christus (…) verkündigen wir mit unserem Leben seinen Tod und verkünden seine Auferstehung in der Erwartung seiner Wiederkunft"

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

"Gnade sei mit euch und Friede von ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron, und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde" (Offb 1,4-5). Mit den Worten des Buchs der Offenbarung, mit denen der heilige Johannes die sieben Kirchen Asiens grüßt, will ich meinen herzlichen Gruß an alle hier Anwesenden richten, vor allem an die Vertreter der dem Ökumenischen Rat Polens angeschlossenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Ich danke Erzbischof Jeremiasz der selbstständigen orthodoxen Kirche für seinen Gruß und seine an mich gerichteten Worte geistlicher Einheit. Ich grüße Erzbischof Alfons Nossol, Präsident des Ökumenischen Rates der polnischen Bischofskonferenz.

Uns eint heute hier der Wunsch, einander zu begegnen, um im gemeinsamen Gebet unserem Herrn Jesus Christus Ruhm und Ehre zu erweisen: "Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater" (Offb 1,5-6). Wir sind unserem Herrn dankbar, weil er uns zusammenführt, uns seinen Geist schenkt und uns erlaubt – jenseits von dem, was uns noch trennt – "Abba, Vater" zu rufen. Wir sind davon überzeugt, dass er selbst es ist, der unaufhörlich zu unseren Gunsten Fürsprache einlegt und für uns bittet: "So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich" (Joh 17,23). Zusammen mit euch danke ich für das Geschenk dieser Begegnung in gemeinsamem Gebet. Ich sehe in ihr eine der Etappen, um die feste Absicht zu verwirklichen, die ich zu Beginn meines Pontifikats geäußert habe; die Absicht, die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit unter den Christen als Priorität meines Amtes anzusehen.

Beim Besuch dieser Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit im Jahr 1991 hob mein geliebter Vorgänger und Diener Gottes Johannes Paul II. hervor: "So viel wir uns auch um die Einheit bemühen, sie bleibt immer eine Gabe des Heiligen Geistes. Wir werden bereit sein, diese Gabe in dem Maß zu empfangen, in dem wir ihm unseren Geist und unsere Herzen durch das christliche Leben und vor allem durch das Gebet geöffnet haben werden." In der Tat wird es uns nicht möglich sein, die Einheit nur aus unseren Kräften zu "machen". Wie ich letztes Jahr bei der ökumenischen Begegnung in Köln erinnert habe, "können wir sie nur als Gabe des Heiligen Geistes erreichen". Das ist der Grund, weshalb unser ökumenisches Bestreben vom Gebet, von der gegenseitigen Vergebung und von der Heiligkeit des Lebens eines jeden von uns durchdrungen sein muss. Ich bringe meine Zufriedenheit darüber zum Ausdruck, dass hier in Polen der Polnische Ökumenische Rat und die römisch-katholische Kirche zahlreiche Initiativen in diesem Bereich unternehmen.

"Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben" (Offb 1,7). Die Worte der Offenbarung des Johannes erinnern uns daran, dass wir alle auf dem Weg zur definitiven Begegnung mit Christus sind, wenn er vor uns den Sinn der Geschichte der Menschen enthüllen wird, deren Mittelpunkt das Kreuz seines Heil bringenden Opfers ist. Als Gemeinschaft der Jünger sind wir zu jener Begegnung unterwegs mit der Hoffnung und dem Vertrauen, dass es für uns der Tag des Heils sein wird, der Tag der Erfüllung all dessen, wonach wir streben – dank unserer Bereitschaft, uns von der gegenseitigen Liebe leiten zu lassen, die sein Geist in uns hervorruft. Ein derartiges Vertrauen gründen wir nicht auf unsere Verdienste, sondern auf das Gebet, in dem Christus uns den Sinn seiner Herabkunft auf die Erde und seines Erlösertodes enthüllt: "Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt" (Joh 17, 24). Unterwegs zur Begegnung mit Christus, der "mit den Wolken kommt", verkündigen wir mit unserem Leben seinen Tod und proklamieren seine Auferstehung in der Erwartung seiner Wiederkunft. Wir spüren die Last der Verantwortung, die all dies mit sich bringt. Die Botschaft Christi muss nämlich dank der Anstrengung derer, die an ihn glauben und die dazu berufen sind, dafür Zeugnis abzulegen, dass er wirklich vom Vater gesandt ist (vgl. Joh 17,23), jeden Menschen auf der Erde erreichen. Daher ist es notwendig, dass wir bei der Verkündigung des Evangeliums vom Streben danach bewegt sind, gegenseitige Beziehungen der aufrichtigen Liebe zu pflegen, damit alle in ihrem Licht erkennen, dass der Vater seinen Sohn gesandt hat und dass er die Kirche und einen jeden von uns liebt, wie er ihn geliebt hat (vgl. Joh 12,23). Es ist also Ausgabe der Jünger Christi, es ist Aufgabe eines jeden von uns, nach einer derartigen Einheit zu streben, um als Christen zum sichtbaren Zeichen seiner Heil bringenden Botschaft zu werden, die an jeden Menschen gerichtet ist.

Gestattet es mir, noch einmal auf die ökumenische Begegnung Bezug zu nehmen, die in dieser Kirche mit der Teilnahme eures großen Landsmannes Johannes Pauls II. stattgefunden hat, und auf seinen Beitrag, in dem er auf die folgende Weise die Sicht der Kräfte zeichnete, die auf die die volle Einheit der Christen abzielen: "Die Herausforderung, vor die wir gestellt sind, ist Schritt für Schritt die Hindernisse zu überwinden (…) und zusammen in jener Einheit Christi zu wachsen, die eine einzige ist; die Einheit, die er der Kirche seit ihren Anfängen verlieh. Die Ernsthaftigkeit der Aufgabe verbietet jede Überstürzung und Ungeduld, die Pflicht, dem Willen Christi zu entsprechen, erfordert jedoch, dass wir fest auf dem Weg hin zum Frieden und zur Einheit unter allen Christen bleiben. Wir wissen wohl, dass nicht wir es sind, die die Wunden der Trennung vernarben lassen und die Einheit wieder herstellen werden; wir sind einfache Instrumente, die Gott benutzen kann. Die Einheit unter den Christen wird ein Geschenk Gottes sein, zu seiner Zeit der Gnade. Demütig streben wir nach jenem Tag und wachsen in der Liebe, in der gegenseitigen Vergebung und im gegenseitigen Vertrauen."

Seit jener Begegnung hat sich viel geändert. Gott hat es uns erlaubt, viele Schritte zum gegenseitigen Verständnis und zur gegenseitigen Annäherung zu machen. Erlaubt mir, eure Aufmerksamkeit auf einige ökumenische Ereignisse zu lenken, die in dieser Zeit auf der Welt stattgefunden haben: die Veröffentlichung der Enzyklika Ut unum sint; die christologischen Konkordanzen mit den vorkalkedonischen Kirchen; die Unterzeichung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" in Augsburg; die Begegnung anlässlich des Großen Jubiläums des Jahres 2000 und das ökumenische Gedenken an die Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts; die Wiederaufnahme des katholisch-orthodoxen Dialogs auf weltweiter Ebene; die Begräbnisfeierlichkeiten Johannes Pauls II. mit der Teilnahme fast aller Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Ich weiß, dass auch hier in Polen dieses brüderliche Einheitsstreben konkrete Erfolge verzeichnen kann. Ich möchte in diesem Augenblick die Unterzeichnung der Erklärung der gegenseitigen Anerkennung der Gültigkeit der Taufe im Jahr 2000 hier in dieser Kirche seitens der römisch-katholischen Kirche und der im Ökumenischen Rat Polens vereinten Kirchen erwähnen; die Einrichtung der Kommission für den Dialog der polnischen Bischofskonferenz sowie des Polnischen Ökumenischen Rates, der die katholischen Bischöfe beziehungsweise die Hirten der anderen Kirche angehören; die Einrichtung von bilateralen Kommissionen für den theologischen Dialog zwischen Katholiken, Orthodoxen, Lutheranern, Mitgliedern der Nationalen Kirche Polens, Mariaviten und Adventisten; die Veröffentlichung der ökumenischen Übersetzung des Neuen Testaments und des Buchs der Psalmen; das "Geburtshilfswerk für Kinder", in dem die karitativen Organisationen der katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirche zusammenarbeiten.

Wir stellen viele Fortschritte im Bereich des Ökumenismus fest, und dennoch erwarten wir noch immer etwas mehr. Gestattet mir, heute zwei Problemkreise etwas detaillierter zu beschreiben. Der erste betrifft den karitativen Dienst der Kirchen. Zahlreiche Brüder erwarten von uns das Geschenk der Liebe, des Vertrauens, des Zeugnisses, einer geistlichen und konkret materiellen Hilfe. Darauf habe ich in meiner Enzyklika Deus caritas est hingewiesen und angemerkt: "Die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe ist zunächst ein Auftrag an jeden einzelnen Gläubigen, aber sie ist ebenfalls ein Auftrag an die gesamte kirchliche Gemeinschaft, und dies auf all ihren Ebenen: von der Ortsgemeinde über die Teilkirche bis zur Universalkirche als ganzer. Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben" (20).

Wir dürfen nicht die wesentliche Idee vergessen, die seit dem Anfang die sehr starke Grundlage der Einheit der Jünger bildete: "Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen darf es keine Armut derart geben, dass jemandem die für ein menschenwürdiges Leben nötigen Güter versagt bleiben" (ebd). Diese Idee ist immer aktuell, auch wenn im Lauf der Jahrhunderte sich die Formen der brüderlichen Hilfe geändert haben; die karitativen Herausforderungen der Gegenwart zu akzeptieren, hängt zu einem großen Maß von unserer gegenseitigen Zusammenarbeit ab. Ich bin froh darüber, dass dieses Problem ein breites Echo in der Welt unter der Form zahlreicher ökumenischer Initiativen findet. Ich stelle mit Wertschätzung fest, dass in der Gemeinschaft der katholischen Kirche und in den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sich verschiedene neue Formen der karitativen Tätigkeit verbreitet haben und alte wieder mit neuem Schwung hervorgekommen sind. Es sind dies Formen, die oft die Evangelisierung und die karitativen Werke vereinen (vgl. ebd. 30b). Es scheint, dass es trotz aller Unterschiede, die im Bereich des interkonfessionellen Dialogs überwunden werden müssen, legitim ist, den karitativen Einsatz der ökumenischen Gemeinschaft der Jünger Christi auf der Suche nach der vollen Einheit zuzuteilen. Alle können wir uns in die Zusammenarbeit zu Gunsten der Bedürftigen einreihen und so dieses Netz der gegenseitigen Beziehungen ausnutzen, das Frucht des Dialogs unter uns und der gemeinsamen Handlung ist. Im Geist des evangelischen Gebots müssen wir diese aufmerksame Sorge für die Brüder übernehmen, die sich in Not befinden, wer immer sie auch seien. Dazu habe ich in meiner Enzyklika geschrieben, dass "für eine Entwicklung der Welt zum Besseren hin die gemeinsame Stimme der Christen und ihr Einsatz nötig sind, damit 'der Achtung der Rechte und der Bedürfnisse aller, besonders der Armen, der Gedemütigten und der Schutzlosen zum Sieg verholfen wird'" (Nr. 30b). Allen Teilnehmern an unserer Begegnung wünsche ich heute, dass die Praxis der brüderlichen Caritas uns immer mehr annähert und unser Zeugnis für Christus vor der Welt glaubhafter macht.

Der zweite Problemkreis, auf den ich eingehe will, betrifft das Ehe- und Familienleben. Wir wissen, dass bei den christlichen Gemeinden, die dazu berufen sind, die Liebe zu bezeugen, die Familie einen besonderen Platz einnimmt. In der Welt von heute, in der sich die internationalen und interkulturellen Beziehungen vervielfältigen, beschließen immer häufiger junge Menschen, eine Familie zu gründen, die aus verschiedenen Traditionen, aus verschiedenen Religionen, aus verschiedenen christlichen Konfessionen stammen. Oft ist dies für die jungen Menschen selbst und für ihre Lieben eine schwierige Entscheidung, die verschiedene Gefahren mit sich bringt, die sowohl die Beständigkeit im Glauben als auch den künftigen Aufbau der Ordnung der Familie betreffen wie auch die Schaffung eines Klimas der Einheit der Familie und geeigneter Bedingungen für das geistliche Wachstum der Kinder. Nichtsdestoweniger kann gerade dank der Verbreitung des ökumenischen Dialogs auf weiter Ebene diese Entscheidung zum Ursprung der Bildung eines praktischen Laboratoriums der Einheit werden. Dazu bedarf es des gegenseitigen Wohlwollens, des Verständnisses und der Reife im Glauben auf beiden Seiten. Dasselbe gilt für die Gemeinden, aus denen sie stammen. Ich möchte der Bilateralen Kommission des Rates für die Frage des Ökumenismus der polnischen Bischofskonferenz und des Ökumenischen Rates Polens meine Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Sie haben die Ausarbeitung eines Dokuments initiiert, in dem die gemeinsame christliche Lehre über die Ehe und Familie präsentiert wird und für alle akzeptierbare Prinzipien festgelegt werden, um interkonfessionelle Ehen schließen zu können, indem auf ein gemeinsames Programm der Sorge für derartige Ehen hingewiesen wird. Ich wünsche allen, dass in einer derartig delikaten Frage das gegenseitige Vertrauen unter den Kirchen und die Zusammenarbeit wachse, die die Rechte und die Verantwortung der Eheleute für die Bildung im Glauben der eigenen Familie und für die Erziehung der Kinder voll respektiert.

"Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin" (Joh 17,27). Brüder und Schwestern, im Vertrauen auf Christus, der uns seinen Namen kennen lässt, gehen wir jeden Tag auf die Fülle der brüderlichen Versöhnung zu. Sein Gebet möge es erreichen, dass die Gemeinschaft seiner Jünger auf Erden in seinem Geheimnis und in ihrer sichtbaren Einheit immer mehr eine Gemeinschaft der Liebe werde, in der sich die Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes widerspiegelt.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]

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